Harald Lange spricht über in seinem Gastkommentar über das Ausbrechen aus festen Strutkuren. Foto: privat
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Harald Lange spricht in seinem Gastkommentar den Spielball Fußball.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz (4)

Gazprom & Co.: Wer macht aus dem Fußball so einen Spielball?

Warum lässt sich der Fußball so leicht zum Spielball von politischen Debatten machen? Darüber schreibt unser Gast-Autor Prof. Dr. Harald Lange (53), der sich in unregelmäßigen Abständen in der Reihe „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ mit Themen rund um den Fußball beschäftigt. Lange ist Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Justus-Maximilians-Universität Würzburg sowie Autor mehrerer Bücher.

Spätestens seit den Morgenstunden des 24. Februar und dem Einfall des russischen Militärs in die Ukraine fordert die fußballinteressierte Welt: Schluss mit dem Gazprom-Sponsoring. Bei Schalke, im DFB (EM 2024), in der UEFA, dem Champions League-Finale und allen anderen direkten und indirekten sportrelevanten Verbindungen. Der moralische Druck ist so groß, dass selbst die Funktionäre, die gestern und in den letzten Tagen noch wankelmütig erklärt haben das man die Situation immer noch genau beobachten würde, abtauchen und schweigen: Schäbig.

Die Managementrolle der relevanten Fußballfunktionäre ist aber nicht nur armeselig, sondern zugleich auch vollends hilflos. Wenn die Gazprom-Sponsoringverträge in den kommenden Tagen aufgelöst werden, dann vor allem aufgrund des moralisch hochkochenden Drucks aus der Politik, Gesellschaft und der fassungslosen Basis des Fußballs. Aber sicher nicht aufgrund des unredlichen Wertekompasses, der im internationalen Sportmanagement seit Jahren eine Monopolstellung genießt. Wir alle wissen, dass allein der in Dollar, Euro oder Rubel zählbare Wert alle anderen Wertvorstellungen des Spitzenfußballs und teilweise auch die des internationalen Sportgeschehens dominiert.

Prof. Dr. Harald Lange über den Spielball Fußball: „Ein Grundproblem“

Aktuell sind wir Zeugen des schweigsamen und zögerlichen Verhaltens einer hilflos wirkenden Elite des Sportmanagements, die sich entweder vom Geld der Sponsoren und Geschäftspartner oder (ganz aktuell) von den moralischen Erwartungen der Kommentatoren in allen relevanten (Leit-)medien durch das Dorf treiben lässt. Mal in die eine und dann wieder in die andere Richtung. In jedem Fall vollends orientierungslos!

Es macht heute nur bedingt Sinn, der Fülle an meinungsstarken Äußerungen einen weiteren moralisierenden Kommentar hinzuzufügen. Zumal die Richtung unmissverständlich ist: Quer durch die Gesellschaft und den Fußball hindurch formulieren die Menschen ihre Ablehnung gegenüber geschäftlichen, aber auch sportlichen Verbindungen, die irgendetwas mit dem System des russischen Machthabers Putins zu tun haben: Boykott, Vertragsauflösung, Abwendung und Schlussstriche ziehen sind die ethisch aufgeladenen Begrifflichkeiten der Stunde.

Weshalb stehen Werte wie Respekt, Menschenrechte und Solidarität so im Abseits?

Prof. Dr. Harald Lange

Ich möchte eine ganz andere Frage aufwerfen: Weshalb lässt sich der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Besonderen denn so leicht zum Spielball solcher Debatten machen? Weshalb gelingt es den ehrenamtlichen Spitzenfunktionären und Top-Managern des Fußballs nicht, dem Fußball von vornherein und ganz grundsätzlich eine ethische Orientierung zu geben, die in der Gazprom-, aber auch in allen anderen kritischen und schwierigen Fragen über jeden Zweifel erhaben ist? Das hier angesprochene Grundproblem ist im Fußball keineswegs neu. Wir hatten das bereits im Rahmen der Europameisterschaft im vergangenen Jahr tagtäglich auf der kritischen Tagesordnung (Illumination der Allianz Arena, Corona-Sonderregelungen für die UEFA-Bosse, zwielichtige UEFA-Sponsoren, usw.). Und wir werden, spätestens wenn die nächste WM (Katar) oder ein Supercup in Saudi Arabien in den Fokus geraten, erneut über diese Grundsatzfrage ins Gespräch kommen.

Wo ist der moralische Kompass versteckt? Weshalb gelingt es seit Jahren und Jahrzehnten nicht, die ethischen Werte des Fußballs so sehr zu vergegenwärtigen, dass sie allen anderen Entscheidungen voranstehen? Weshalb stehen Werte wie Respekt, Menschenrechte, Solidarität, Chancengleichheit, Fairplay und andere Orientierungen, die jeder Trainer in den Schülermannschaften unserer Fußballvereine den Kindern mit auf den Weg geben will, in den Chefetagen des deutschen Fußballs so sehr im Abseits?

Wie „gut“ könnte der Fußball auch in seiner internationalen und nationenverbindenden Wirkung wohl sein, wenn wir es verstehen würden, Manager und Funktionäre ins Spiel zu bringen, die in dieser Hinsicht über jeden Zweifel erhaben sind? Wo finden wir die moralisch geeigneten, mutigen Lenker und Anführer für unseren Sport, die lange bevor die Forderung nach der Kündigung der Gazprom-Verträge aufkommt, moralisch einwandfreie Strukturen schaffen können? Und wie bauen wir diesen moralischen Kompass auf? Wo nehmen wir ihn her? Wer mag mithelfen?

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