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Die politische Kraft des Fußballs bereitet autoritären Machthabern Angst

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Ali Karimi
Hatte sich gleich zu Beginn mit den Protesten im Iran solidarisiert: Der frühere iranische Nationalspieler Ali Karimi. © Abedin Taherkenareh/EPA/dpa/Archivbild

In seiner wöchentlichen Kolumne äußert sich Harald Lange über Themen, die Deutschland bewegen: Während wir den Zusammenhang zwischen Sport und Politik in Deutschland und weiten Teilen Europas vorwiegend auf einer symbolischen Ebene diskutieren, erleben und zelebrieren, wirkt die politische Kraft des Fußballs in anderen Regionen der Welt weitaus direkter.

Bisweilen fürchten autoritäre Machthaber das Fußballstadion als Ort, an dem die Massen ihre Meinung sagen und laut protestieren. Deshalb kommt den bekannten Sportstars in vielen Ländern eine wichtige Funktion zu. Sie können ihre Popularität und mediale Reichweite nutzen und bei Protesten Position beziehen. Allerdings: Sobald sie sich kritisch gegenüber den Machthabern äußern, kann es eng werden. Je mehr sie dazu beitragen, die Masse für Proteste und Widerstand zu mobilisieren, desto schwieriger wird die Lage für die jeweiligen Machthaber.

Harald Lange über Iran: Politische Kraft des Fußballs wirkt direkter

Zuweilen haben autoritäre Herrscher Angst vor solchen Sporthelden und reagieren mit harten Strafen und Sanktionen. Das aktuelle Beispiel des ehemaligen Bundesligaprofis und iranischen Rekordnationalspielers Ali Daei (53) belegt den Einfluss, den der Fußball in Hinblick auf die Mobilisierung und Unterstützung der Proteste nehmen kann. Gleich zu Beginn der aktuellen Protestwelle gegen das Regime der Mullahs hatte Daei in den sozialen Medien dazu aufgerufen, „die Probleme des iranischen Volks zu lösen, anstatt auf Unterdrückung, Gewalt und Verhaftungen zurückzugreifen.“

Die Quittung des autoritären Regimes aus Teheran ließ nicht lange auf sich warten. Ali Daei wurde der Pass abgenommen, so dass er das Land vorerst nicht verlassen durfte. Ähnlich erging es dem ehemaligen iranischen Profi Ali Karimi, der unter anderem für Schalke und Bayern in der Bundesliga spielte. Der 43-Jährige solidarisierte sich mit den protestierenden Frauen und fand auf Twitter klare Worte: „Hab keine Angst vor starken Frauen. Vielleicht kommt der Tag, an dem sie die einzige Armee sind.“ Auch er riskiert damit viel. Das Regime hat zunächst sein Haus im Iran beschlagnahmt.

Harald Lange
Harald Lange © privat

Dass Fußballer, die sich zu politischen Lage im Iran äußern, viel riskieren, weiß auch der Stürmer von Bayer Leverkusen und aktuelle Nationalspieler des Irans Sadar Azmoun (27). Ende September erzielte er in einem Testspiel gegen den Senegal den Ausgleich für sein Team und kommentierte den politischen Maulkorb für Irans Fußballer folgendermaßen: „Wegen der Regeln der Nationalmannschaft durften wir bis zum Abschluss unseres Trainingslagers nichts sagen, aber ich kann kein Schweigen mehr ertragen. Schmeißt mich raus. Wenn dadurch ein Haar einer iranischen Frau gerettet wird, hat es sich gelohnt. Schämt euch, die ihr Menschen so leicht tötet. Lang leben die iranischen Frauen.“

Harald Lange: Formen der Solidaritätsbekundungen das Mindeste

Die Liste der iranischen Sportler, die in dieser Sache Farbe bekennen und persönlich viel riskieren, ist lang. Aber das Beispiel von Ali Daei ist in Deutschland wohl deshalb so bekannt, weil die Fans und Club-Verantwortlichen bei Hertha BSC sich unumwunden und exponiert mit ihm und seiner Botschaft solidarisiert hatten. Im Heimspiel gegen Freiburg forderten die Fans in der Ostkurve mit einem Banner: „Freiheit für Ali Daei & allen Protestierenden im Iran.“ Die Vereinsführung nahm sogar schriftlich Stellung und formulierte einen Appell auf Twitter, der dann auch im Stadion verlesen wurde: „Bestürzt blicken wir dieser Tage in den Iran. Unser ehemalige Spieler Ali Daei darf das Land nicht verlassen, da er sich für Frauenrechte eingesetzt hat. Wir solidarisieren uns mit dem Herthaner allen Frauen im Iran, die so mutig sind, für ihre Rechte zu kämpfen.“

Inzwischen hat Daei seinen Pass von den Behörden zurückbekommen. Viele andere sitzen noch in Haft oder werden drangsaliert. Ich meine, solche Formen der Solidaritätsbekundung sind das Mindeste, was wir tun können.

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