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Medizinball: Felix oder Quälix – Es kommt darauf an, was wir daraus machen

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Harald Lange spricht in seinem Gastkommentar über das beliebte Werkzeug von Felix Magath.
Harald Lange spricht in seinem Gastkommentar über das beliebte Werkzeug von Felix Magath. © privat

Der Medizinball wird unweigerlich mit dem aktuellen Trainer von Hertha BSC Berlin, Felix Magath, in Verbindung gebracht. Das Trainingsgerät hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dem umstrittenen Trainer den Spitznamen „Quälix“ zu verpassen. So gesehen steht der Ball in Verdacht ein Gerät für das Quälen, Schleifen und den Drill eines militärischen Bootcamps zu sein.

Völlig zu Unrecht, denn im Medizinball steckt viel mehr. Wir wissen aus der Geschichte des vielseitigen Trainingsgeräts, dass er bereits vor 150 Jahren in den USA als wirksames Mittel zur Entwicklung von Kraft und Fitness im Studentensport und später - ebenfalls in den USA - als therapeutisches Gerät zum systematischen Aufbau von Kraft und zum Ausgleich von körperlichen Schwächen genutzt wurde. So gesehen war der Medizinball eines der ersten Trainingsgeräte, die in der Medizin und dem allgemeinen Training für den Erhalt und die Verbesserung der Gesundheit eingesetzt wurde. Daher hat er schließlich auch seinen Namen bekommen und genau dieser positive Aspekt macht ihn für uns so interessant.

Es wird deshalb allerhöchste Zeit, dieses vielseitige Trainingsgerät für das Fußballtraining zu rehabilitieren. Am besten auf allen Fußballplätzen und in allen Sporthallen unseres Landes. Aber auch durch pädagogisch versierte Trainerinnen und Trainer, die es verstehen diesen Ball und alle anderen Geräte und Methoden für den behutsamen Aufbau von Spielerinnen und Spielern zu verwenden. Anders als in vielen der von Magath trainierten Proficlubs können wir im Nachwuchs- und Amateursport nicht darauf bauen, dass fertige Spieler eingekauft, aufgebraucht und schließlich wieder ausgetauscht werden. 

„Quälen“ bei letzten Stationen von Felix Magath ohne Erfolg

Die Crux des Fußballtrainings liegt schließlich darin, Talente, Kraft, Geschicklichkeit, Persönlichkeit und soziale Strukturen gleichermaßen zu entwickeln. Dazu gehört es, die Belastungen so zu dosieren, dass alle mitgenommen werden und jedes Teammitglied gleichermaßen erfahren kann, wann, wo und wie es seine Leistung durch sinnvolles Training verbessern kann. Nebenbei bemerkt: Die Methode des Verbrauchens von Ressourcen durch Schleifen, Quälen und Drill hat auch in den letzten Stationen des Quälix keinen Erfolg gebracht und die aktuellen Ergebnisse der Hertha belegen diesen Trend. Wahrscheinlich kommt bald die Forderung neue Spieler einzukaufen oder die Mannschaft auszutauschen, anstatt das aktuelle Team pädagogisch und fachlich versiert weiter zu entwickeln.

Der Medizinball muss deshalb in eine Trainingsphilosophie eingebettet werden, die dazu beiträgt, unsere Kondition - ebenso wie unsere Persönlichkeit - aufzubauen. Ressourcen sollen also mit seiner Hilfe entwickelt und keineswegs einfach nur abgewirtschaftet werden. Genauso wurde der Medizinball bereits vor 100 Jahren in den ersten deutschsprachigen Büchern und Aufsätzen, die sich mit seinem Potenzial befassten, beschrieben.

Das „Quälix-Fußballtraining“ ist ein gutes Beispiel für die Grenzen der Vorbildrolle des Profifußballs.

Prof. Dr. Harald Lange

Bereits damals war klar, wo der Wert dieses Balles zu sehen ist. Der Medizinball ist für die ganzheitliche Kraftentwicklung besser geeignet als die klassische Hantel. Denn er ist nicht nur schwer, sondern zugleich griffig, flexibel, weich und kann gefahrlos geworfen und gerollt werden. Inzwischen werden Medizinbälle nicht mehr aus Leder und Tierhaarfüllungen, sondern aus luftgefülltem Kunststoff (Ruton) hergestellt. Dadurch sind die Bälle wesentlich flexibler und man kann mit ihnen im Training praktisch alles machen, was wir auch mit gewöhnlichen Gymnastikbällen tun. Vorwärts, rückwärts, seitlich, hoch und runter. Allein, paarweise oder in Gruppen, usw. Zusammengefasst: Der Medizinball ist ein aus flexiblem Kunststoff ummanteltes Fitnessstudio.

Das „Quälix-Fußballtraining“ ist ein gutes Beispiel für die Grenzen der Vorbildrolle des Profifußballs. Meinetwegen sollen die Spieler, die sich von finanzstarken Investoren und deren ständig neu eingekauften Trainern und Schleifern konditionell und psychisch drillen und quälen lassen, diese Praxis aushalten. Sie sind Profis und erwachsen genug, um herausfinden zu können, ob und wann ihre konditionellen und psychischen Ressourcen verbraucht oder aufgebaut werden. Letzteres, der Aufbau von Ressourcen, muss das zentrale Thema im Amateursport und des zukunftsorientierten Fußballtrainings sein. 

Mit Blick auf den heute thematisierten Ball: Schließlich heißt er ja nicht Quälball, Schleifball, Drillball, sondern aus gutem Grund Medizinball.

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