1. torgranate
  2. Granatenstark
  3. Meinung

Führung und Erfahrung: Neue Modelle für den Fußball

Erstellt: Aktualisiert:

Hertha BSC Außerordentliche Mitgliederversammlung
Kay Bernstein ist als Ex-Ultra zum Präsidenten von Hertha BSC gewählt worden. Harald Lange nimmt dies zum Anlass, über Führungspositionen zu schreiben. © Britta Pedersen/dpa

Während sich die fußballinteressierte Öffentlichkeit seit Tagen intensiv mit der Wahl des Ex-Ultras Kay Bernstein zum neuen Präsidenten von Hertha BSC Berlin auseinandersetzt, gerinnt eine Pressemitteilung der Spielvereinigung Unterhaching zur Randnotiz, sagt Harald Lange in seiner neuen Gastkolumne.

Manni Schwabl feierte in diesen Tagen sein 10-jähriges Jubiläum als Präsident dieses Clubs. Neben seiner beeindruckenden Fußballbiografie und gewachsenen kommunikativen Kompetenz zeichnet ihn vor allem eines aus: Erfahrung. „Erfahrung“ ist ein ebenso viel- wie nichtssagender Begriff. In jedem Fall attraktiv und schillernd, denn wir folgen denjenigen gern, die glaubhaft machen können, über Erfahrungen zu verfügen. Wortgeschichtlich gibt es einen Zusammenhang zu Begriffen wie Fahrt, aber auch Gefahr. Denn früher konnten vor allem diejenigen Erfahrungen sammeln, die sich auf ihren Fahrten und Reisen drohenden Gefahren aussetzten. Damit ist nicht nur die Seefahrt und die Walz der Handwerkergesellen gemeint, sondern alle Erfahrungen, die wir sammeln, wenn wir das sichere zuhause aufgeben und uns in die Welt hinaus trauen.

Beispiel Manfred Schwabl: Fußball-Quereinsteiger für den Führungsposten?

Wir treffen dort auf immer neue Problemlagen und finden Lösungen, die in unserem Gedächtnis, bzw. Erfahrungsschatz Spuren hinterlassen. Genau diese Spuren sind es, die uns für zukünftige Aufgaben wappnen können. Deshalb interessieren mich ehemalige Spielertypen, die ihre Erfahrungen in neue Aufgaben einbringen und beispielsweise wie im Falle Manni Schwabls auch als Fußballpräsident erfolgreich sind.

Manfred Schwabl kennt den Fußball aus vielen Perspektiven und bringt sein geballtes Erfahrungswissen in die Führung des Vereins ein. In seiner Bilanz als Spieler stehen 303 Bundesliga-Einsätze und vier Länderspiele. Außerdem war er dreimal Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger. Er spielte unter anderen bei den Bayern, in Nürnberg, beim FC Tirol und schließlich bei 1860 München. Sein Wirken in Unterhaching ist sicherlich ein Glücksfall für den Club, weshalb wir diesen Einzelfall genauer anschauen sollten. Gerade auch, weil dieser Präsident auch schwierige Situationen meistern musste. Neben seinem Karriereende bei 1860 München waren seine Erfahrungen als gescheiterter Bauunternehmer zweifelsohne prägend und wichtige Lernanlässe.

Was sind erfahrene Fußballspielerinnen und Fußballspieler und wie kann es gelingen diese Erfahrung für die zu vergebenen Führungsposten im Deutschen Fußball zu nutzen? Der Bedarf ist da, nicht nur beim Hessischen Fußballverband. Haben wir vielleicht auch aktuell ehemalige Spieler und Spielerinnen im Land, die auch jetzt quer einsteigen und die Nachfolge von Stefan Reuß antreten können? Oder wäre es besser andere Erfahrungswerte in so ein Amt einzubringen. Erfahrungen als Politiker? Erfahrungen aus der Wirtschaft oder Erfahrungen aus dem Funktionärswesen?

Ultra Kay Bernstein als Gegenbeispiel bei Hertha BSC

Lebensläufe wie die eines Manni Schwabl sind keine Einzelfälle. Die Liste ehemaliger Fußballprofis, die es in die Chefetagen des Fußballs schaffen und dort auch erfolgreich arbeiten und führen, sind lang. Beinahe so lang wie die Liste derer, die gleich beim ersten Versuch scheitern. Dabei gehört das Scheitern ganz wesentlich zur Erfahrungsbildung dazu. Vor allem, wenn man lernt, die Situationen zu analysieren und aus den Fehlern zu lernen. Dann kann das Scheitern und erneute Aufstehen zu einem regelrechten Innovationsmotor werden. Auch wenn es zuweilen unangenehm und anstrengend ist.

Harald Lange
Harald Lange stellt die Führungspersonen Manfred Schwabl und Kay Bernstein gegenüber. © privat

Womit wir beim Punkt sind: Erfahrungsbildung gelingt nicht von selbst. Man muss sich ihr stellen und bereit sein, Schwierigkeiten auf sich zu nehmen. Mehr noch: Zuweilen muss man sich von vornherein der Aussicht auf das Scheitern seiner Idee stellen. Bei der altehrwürdigen Hertha in Berlin finden wir in der Führungsfrage aktuell eine außergewöhnliche Konstellation vor, die genau das verspricht: Die Mehrheit der Vereinsmitglieder hat sich bei der Präsidentenwahl für den ehemaligen Ultra Kay Bernstein und gegen den gut vernetzten CDU-Politiker Frank Steffel entschieden. Letzterer wäre sicherlich ein angenehmer Kandidat für das Management und den Investor gewesen.

Nun gilt es, aus den unterschiedlichen Ideen zur Zukunft des Fußballs eine Innovationsmaschine zu bilden. Die Zukunft ist offen und verspricht enormen Unterhaltungswert. Entweder wir erleben etwas Geniales oder ein nie dagewesenes Intrigentheater. Wie auch immer dieses Spiel ausgehen wird: Das ist letztlich eine gute Ausgangslage für die Erfahrungsbildung in der Führung eines Fußballvereins.

Auch interessant