Prof. Dr. Harald Lange äußerst sich in einem Gast-Beitrag zur xxx. Foto: privat
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Prof. Dr. Harald Lange äußerst sich in einem Gast-Beitrag zum Thema Verantwortung im Fußball - und bezieht damit den DFB ein.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz (6)

Verantwortung: Hört die Pfiffe – nicht nur aus aktuellem Anlass!

Das Thema „Verantwortung“ nimmt nicht nur in der Gesellschaft, sondern ebenso im Fußball eine große Rolle ein. Darüber schreibt unser Gast-Autor Prof. Dr. Harald Lange (53), der sich in unregelmäßigen Abständen in der Reihe „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ mit Themen rund um den Fußball beschäftigt. Lange ist Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Justus-Maximilians-Universität Würzburg sowie Autor mehrerer Bücher.

Vieles von dem was ich unter Verantwortung verstehe, habe ich im Fußball erfahren! Im Training und Ligaspiel mit den Freunden, in den Fußballkursen während des Studiums, aber auch beim Zuschauen im Kinderfußball. Wir erlernen für uns, die Mitspielerinnen und Mitspieler, aber auch für das Gelingen des Spiels Verantwortung zu übernehmen.

Dieser Prozess setzt sich fort. Erfahrene Väter und Mütter übernehmen Verantwortung als Betreuer und Trainer. Manche Spielerinnen und Spieler wechseln ins Schiedsrichterwesen und übernehmen Verantwortung für das Spiel anderer Mannschaften. Darüber hinaus delegiert der Fußball Verantwortung an diejenigen, die sich als Platzwarte um die Sportstätten kümmern und die, die das Funktionieren des Spielbetriebs auf Vereins-, Kreis-, Landes- und Bundesebene verantworten.

Harald Lange: Verantwortung lässt sich im Fußball beobachten

Das Thema „Verantwortung“ lässt sich aber auch vortrefflich im Spitzenfußball beobachten: Am 8. Juli 1990 hat Andreas Brehme in der 85. Spielminute im Finale von Rom Verantwortung übernommen und den Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt. Lothar Matthäus, der eigentlich für solche Situationen bestimmt gewesen ist und zuletzt im Viertelfinale souverän verwandelt hatte, hat diese Verantwortung abgegeben. Einfach, weil beide wussten, dass es so am besten ist. Und sie hatten Recht. Brehme trifft und Deutschland wurde Weltmeister. Hätte er danebengeschossen – wie einst Uli Hoeneß im Elfmeterschießen in der Nacht von Belgrad im EM Finale am 20. Juni 1976 – wären alle traurig gewesen, aber niemand hätte ernstzunehmende Vorwürfe vorgetragen.

Auch das lernen wir zum Thema Verantwortung im Fußball: Niemand macht denen, die Verantwortung übernehmen, einen Vorwurf, wenn es nicht klappt. Im Gegenteil: Nachdem im vergangenen Sommer Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka im EM Finale gegen Italien ihre Elfmeter nicht verwandeln konnten und von einem rassistischen Mopp beleidigt und angegriffen wurden, zeigten die wahrhaften Fans des englischen Teams Haltung und stellten sich absolut ehrenhaft vor ihre Elfmeterschützen.

Jetzt wäre die Zeit reif, Verantwortung zu übernehmen, um weiteren Schaden vom Verband abzuwenden.

Prof. Dr. Harald Lange über den DFB.

Solche Beispiele gehen mir durch den Kopf, wenn ich über „Verantwortung“ nachdenke. Nicht nur im Sport, sondern auch in anderen Feldern unseres gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenlebens. Auch deshalb gefällt es mir, wenn unsere Kinder mit solchen Vorbildern aufwachsen und wir aus dem Spiel heraus auch eine entsprechende Haltung ableiten und aufbauen können. In unseren Vereinen liefern Fußballspielerinnen und Fußballspieler jede Woche neue Beispiele die zeigen, wie sie im Spiel Verantwortung übernehmen. Wie sich Mannschaften finden und innerhalb von Sekunden so auf- und umstellen, dass sich jeder auf dem Platz optimal einbringen und diejenigen, die in der Situation die besten Chancen für das Team bringen, Verantwortung übernehmen: Für ein riskantes Dribbling, einen perfekten Pass, einen Freistoß, Elfmeter und jede andere Spielsituation.

Lange fordert DFB-Bosse um Rainer Koch zur Verantwortung auf

Allerdings, eine Einschränkung gibt es doch: Wenn jemand das Spiel aus egoistischen Gründen an sich reißt und deshalb nicht mannschaftsdienlich spielt, dann nennen wir ihn einen Spielverderber.

Aus aktuellem Anlass - die Staatsanwälte stehen erneut in der Frankfurter DFB-Zentrale - müssen wir fragen, ob „Verantwortung“ auch einen realistischen Wert für die Elite der Fußballfunktionäre ausmacht. Also: Wer übernimmt die Verantwortung für diesen unfassbaren Imageverlust, den die Chefetage des DFB in den zurückliegenden Jahren zu verantworten hat? Und meine Frage an die Landesfürsten und die Funktionäre der zweiten und dritten Reihe lautet: Wer von Euch erinnert vor allem die DFB-Bosse daran sportpolitische Verantwortung zu übernehmen? Rainer Koch hat diesen ominösen 360.000 Euro teuren Beratervertrag noch im Frühjahr 2021 im ZDF Sportstudio vor einem Millionenpublikum verteidigt. Jetzt wäre die Zeit reif, Verantwortung zu übernehmen, um weiteren Schaden vom Verband abzuwenden.

Wenn Spieler in der Premier League ihrer Verantwortung für den Wertecodex des eigenen Teams nicht gerecht werden und zum Beispiel eine Schwalbe machen, dann werden sie noch heute von ihren eigenen Fans dafür ausgepfiffen. In diesem Sinne: Wir haben am 28. Februar die Daten zur Stimmung an der DFB-Basis veröffentlicht. Diese Stimmung ist ein einzigartiges Pfeifkonzert.

Hört die Pfiffe und übernehmt endlich Verantwortung!

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