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Bezahlte Fans: Die FIFA-WM verkommt zur Sitcom

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Vor der Auslosung für die Fußball-WM 2022 in Katar
Im Lusail Iconic Stadium findet das Finale der Fußball-WM 2022 statt. © Christian Charisius/dpa

Die WM in Katar öffnet in diesem Jahr ein neues Feld und bezahlt nun auch die Fans. Nicht alle, aber eine handverlesene Gruppe, die im Gegenzug Stimmung und Rückenwind auf allen Social Media Kanälen abliefern muss. Das ist in dieser Dimension neu: Liken und Jubeln für Bares. Prof. Dr. Harald Lange äußert sich in seiner Kolumne dazu.

Die Sportschau berichtet in ihrer Online Präsenz von einer Initiative des WM-Organisationskomitees in Katar, das Fans aus 59 Nationen für Jubel, „gute“ Stimmung und positive Social Media Aktivitäten bezahlt. Neben einer aufgeladenen Visacard, die den Teilnehmern 70 Euro pro Tag zur Verfügung stellt, werden für den WM-Aufenthalt sowohl Flüge, Verpflegung und Unterkunft gestellt.

Katar bezahlt Fans für gute Stimmung: Die WM verkommt zur Sitcom

Damit erinnert diese FIFA-Weltmeisterschaft an ein Unterhaltungsformat, das wir unter der Bezeichnung Sitcom (Situationskomik) aus dem leicht verdaulichen Fernsehprogramm kennen. Die Handlung dieser Serien spielt auf einer klar begrenzten Bühne und die Schauspieler bemühen sich um die humorvolle Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der aktuellen Situation. In so einem Setting würde dann auch die Regieanweisung des FIFA-Bosses Gianni Infantino hineinpassen: Man solle sich ab jetzt auf das konzentrieren, was er unter dem eigentlichen Fußball versteht.

Inzwischen existieren hunderte solcher Serien wie z.B. „Hausmeister Krause“, „The Big Bang Theory“, „Alf“ oder „King of Queens“. Sie alle beziehen in einer Hinsicht das Studiopublikum durch das passende Einspielen sogenannter Lachkonserven mit ein. Das ist albern, verstärkt aber den Effekt des Komischen genau an den Stellen, an denen es die Regisseure dieser leicht verdaulichen Dramen platziert haben möchten. In der FIFA-Logik bedeutet das: Wir spielen die fehlende WM-Stimmung einfach durch die gekauften Jubelfans ein und gaukeln den Sponsoren damit die beste WM aller Zeiten vor!

Harald Lange: „Genau der Rahmen, den diese WM verdient hat“

Inzwischen wurde bekannt, dass allein für die Eröffnungsfeier dieser Fußball-WM mehr als 1600 Fans aus den 32 teilnehmenden Nationen in dieser Weise eingekauft wurden. Nach Informationen der Sportschau werden sie jeweils in dem Moment, in dem ihr Team vorgestellt wird, als nationale Gruppe jubelnd in die Fernsehbilder eingeblendet. Mehr noch: Angeblich müssen sie diesen inszenierten Jubel dann auch noch mit dem Singen eines bestimmten Liedes untermalen.

Ich denke, das ist genau der Rahmen, den diese WM verdient hat. Falls das wirklich so in die Tat umgesetzt werden sollte, werden diejenigen, die bereit sind, diese Eröffnungsfeier am Fernseher zu verfolgen, auf dem Niveau des flachen Vorabendprogramms unterhalten. Das mag komisch, lustig und albern sein. Aber diese Inszenierung passt in keiner Weise zu dem, was wir in der Bundesliga unter einer Stadionatmosphäre verstehen.

Harald Lange
Harald Lange © privat

Elemente dieser aufgeladenen, stimmungsvollen und ausdruckstarken Atmosphäre können die Fanexperten aus Katar bis zum Beginn dieser WM an jedem Bundesligaspieltag und in fast jedem Stadion beobachten: Dort singen Fans genau die Lieder, die sie singen wollen. Sie jubeln auch nur dann, wenn der Anlass es zulässt und sie schmähen, schimpfen und kritisieren wann immer sie etwas entdecken, das ihnen missfällt.

Auch wenn es zuweilen enorm unbequem ist. Ich schätze die Atmosphäre in unserer Fußballkultur und kann auf die Lächerlichkeit bezahlter Fans getrost verzichten.

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