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„König der Scheinheiligen“ – Uli Hoeneß poltert wegen WM in Katar

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Uli Hoeneß
Unser Kolumnist Harald Lange äußert sich zum Anruf im Doppelpass von Ex-Bayern-Boss Uli Hoeneß. © Roberto Pfeil/dpa

Uli Hoeneß, ehemaliger Präsident, Manager und Linksaußen des FC Bayern, garantiert mit seinen Auftritten für enormen Unterhaltungswert und genießt das Privileg, sich per Telefon und auf eigene Initiative in Livesendungen zuzuschalten. Bei SPORT 1 rief er beim populären deutschen Fußball-Frühschoppen an, um seinem Ärger über Positionen mitzuteilen, die ihm persönlich nicht gefallen.

Es ging an dieser Stelle um das Thema Katar mit all seinen ungelösten Problemen. In dieser Hinsicht befindet sich der Fußball in einem Dilemma, denn aufgrund der Machtverhältnisse in den internationalen Gremien (v.a. bei der FIFA) und der gigantischen Profite, die der Profifußball abwirft, sind die verantwortlichen Sportfunktionäre und Sportmanager nicht in der Lage, die unbeliebte WM in Katar abzusagen, zu boykottieren oder gar zu kritisieren. Mehr noch: Sie sind noch nicht einmal willens, die bestehende Problemlage zum Katar-Thema klar zu benennen, obwohl inzwischen viele Fakten zum Thema Korruption, Menschenrechte, Nachhaltigkeit und Klimaschutz auf dem Tisch liegen.

Ex-Bayern-Boss Uli Hoeneß poltert im Doppelpass wegen WM in Katar

Die Chefetage des FC Bayern bekommt durch die Fans des Clubs seit Jahren Druck wegen des üppigen Sponsorings, das sie aus dem Wüstenstaat erhalten. Demnächst stehen Verhandlungen um die Verlängerung dieser lukrativen Partnerschaft an, weshalb die Verantwortlichen in der Machtzentrale des FC Bayern möglicherweise bereits Unmut an der Mitgliederbasis sowie in den Fanszenen des FC Bayern wittern.

So ließe sich zumindest die emotional aufgeladene Stimmung bei Uli Hoeneß erklären, der sofort lospolterte und einen Gast in der Runde massiv angriff: „Ich möchte den Andreas Rettig, den König der Scheinheiligen, mal fragen, ob er im Winter nicht mehr so warm duscht und ob er sich zum Gas aus Katar schon Gedanken gemacht hat?“ Rettig hatte zuvor den kritischen Part in diesem Fußballtalk vertreten und dabei vergleichsweise moderat einige der allseits bekannten Kritikpunkte an dieser Winter-WM ins Feld geführt. Er wusste von Berichten von Arbeitern und Journalisten, die ihre Erfahrungen mit den unsäglichen Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter in Katar geteilt hatten.

Harald Lange
Prof. Dr. Harald Lange befasst sich in seiner Kolumne um den Polter-Anruf von Uli Hoeneß. © privat

Harald Lange: Fußball aus der Gier um Profit herausführen

Damit wird klar unterstrichen: Wer immer auch mit dieser WM Geld verdienen will oder einfach nur ein Fußballfest genießen möchte, tut dies in dem Wissen, dass tausende Arbeiter auf den WM-Baustellen ihr Leben lassen mussten. Mehr noch: Bis heute waren weder die Veranstalter dieser WM noch die Fifa in der Lage diese Schicksale anzuerkennen, oder gar einen Entschädigungsfonds für die Hinterbliebenen einzurichten.

So gesehen mutet es zynisch an, wenn Hoeneß auch in dieser Runde darauf hinweist, dass die Bundesregierung Gas aus Katar beziehen möchte und dass das Emirat viele Geschäftsbeziehungen und -beteiligungen mit deutschen Firmen pflegt, um den Fußball damit aus der moralischen Verantwortung heraus zu nehmen. Wer den Fußball tatsächlich zuallererst als wirtschaftlichen Deal verstanden wissen will, kann gar nicht anders und empfindet jede Kritik an dieser unsäglichen WM als geschäftsschädigend.

Ich meine, vom Standpunkt des Sports aus betrachtet ist genau diese Haltung scheinheilig. Wir alle würden deutlich mehr gewinnen, wenn es gelänge, den Fußball mehr und mehr aus der Gier um Profit herauszuführen.

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