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Die Chance auf einen Neuanfang ohne schäbiges Nachtreten

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Torsten Becker ist beim Hessischen Fußball-Verband zurückgetreten.
Torsten Becker ist beim Hessischen Fußball-Verband zurückgetreten. Prof. Dr. Harald Lange äußert sich in seiner Kolumne dazu. © Memento36

Rücktritte sind schwieriger als man allgemeinhin denkt. Und sie können „gut“ oder „schlecht“ über die Bühne gehen. Im Idealfall gelingt es mit einem konsequent durchgezogenen Rücktritt sowohl der betroffenen Person, wie auch der Institution zu helfen. In der Spitze des Hessischen Fußball-Verbandes war die Führungskrise tatsächlich nur durch diese Rücktrittswelle zu lösen, sagt Harald Lange.

Wenn der Rücktritt rechtzeitig erfolgt, können die ins Privatleben wechselnden Präsidenten und Vizepräsidenten das Heft des Handelns in eigenen Händen halten und ihr Gesicht wahren. Gleichzeitig kehrt am Tag nach dem Rücktritt Ruhe in den Verband ein und die verbliebenen Verantwortungsträger haben dann tatsächlich die Chance auf einen Neuanfang. Schließlich sind in solchen Fällen die alten Seilschaften und persönlich betriebenen und angefeuerten Grabenkämpfe des alten Präsidiums Geschichte. Streitereien, die keiner mehr braucht. 

Verbandsspitze in Hessen am Wichtigen orientieren: Dem Fußball

Die Zurückgetretenen sind nach ihrem Entschluss im wahrsten Sinne des Wortes raus. Als Person, aber auch als Vertreter einer sportpolitischen Linie. Niemand muss mehr ihren Anweisungen und Ideen folgen, versprochene Posten und in Aussicht gestellte Vorteile lösen sich mit dem Rücktritt in Luft auf und alle sind frei. 

Wenn jetzt auch in Hessen die Karten neu gemischt werden, können die Verantwortlichen frei aufspielen und sich bei der Neuaufstellung der Verbandsspitze an dem orientieren, was für einen Fußballverband wichtig ist: Der Fußball. Seine Entwicklung, Struktur, gesellschaftliche Verankerung und Zukunft. Genau da kommen aufgrund des gesellschaftlichen Wandels enorme Herausforderungen auf uns zu. Deshalb brauchen wir in der neuen Führung Spielerinnen und Spieler, die sich trauen und in der Lage sind, Zukunftsthemen anzupacken. Gestandene und erfahrene Persönlichkeiten, die ihren persönlichen Vorteil aufs Spiel setzen können und bereit sind, auch mal dorthin zu gehen, wo es weh tut. 

Die große DFB-Basisstudie der Universität Würzburg und der Hochschule Ansbach konnte im Februar dieses Jahres eindrucksvoll belegen, dass die Fußballerinnen und Fußballer in den Vereinen eine neue Führungskultur im DFB und seinen Landesverbänden erwarten. Mit dem alten DFB um den Strippenzieher und ehemaligen DFB-Vize Rainer Koch wurde an der Basis unmissverständlich abgerechnet. Auch mit Blick auf die Umfrageergebnisse aus Hessen hat er eine glatte „5“ bekommen, weshalb die unkritische Nibelungentreue des Führungsduos Reuß & Becker gegenüber Koch fatal war.

Prof. Dr. Harald Lange äußerst sich in einem Gast-Beitrag zur xxx. Foto: privat
Prof. Dr. Harald Lange sagt in seinem Gastbeitrag: „Wir können aus der Führungskrise des Hessischen Fußball-Verbandes einiges lernen.“ © privat

Wir alle wissen das man im Spiel auch Fehler macht und Niederlagen einstecken muss. Das ist unvermeidlich. Aber genau deshalb ist es wichtig, die Niederlage einzugestehen und Konsequenzen zu ziehen. Genau über diesen Schatten hätten die Beteiligten springen müssen. Stattdessen wurden überflüssige Gutachten eingefordert, geheim gehalten und Seilschaften gepflegt, die am Ende niemanden geholfen haben.

Wir können aus der Führungskrise des Hessischen Fußball-Verbandes einiges lernen. Jetzt wäre es gut, wenn Hessen sportpolitisch auch im Fußball endlich wieder Ausrufezeichen setzt. Die Bedingungen sind gut. Die alten Seilschaften sind weg und der Raum für neue Ideen ist da. Macht was draus!

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