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Zwischen Traum und Paralyse

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Von: Johannes Götze

Torgranate-Redaktuer Johannes Götze.
Torgranate-Redaktuer Johannes Götze. © Max Dellemann / Heldenzeit

An dieser Stelle wirft Torgranate-Redakteur Johannes Götze täglich seinen ganz persönlichen Blick auf die WM in seiner Kolumne „Mach ihn! Er macht ihn!“.

Manchmal hilft Träumen, seine Gedankenwelt entrücken zu lassen. Dorthin, wo es schön ist. Gestern habe ich das getan. Mir Sönke Wortmanns großartiges „Sommermärchen“ angeschaut, in Paul Ripkes sensationellem Bildband „One Night in Rio“ geschmökert. WM habe ich nicht geschaut, nachmittags lieber Kaffee getrunken, abends mit meinen Jungs Doppelkopf gespielt. Mein Kopf brauchte Pause.

Nach dem WM-Aus: Zwischen Traum und Paralyse

Und wurde doch ständig mit dieser WM konfrontiert. Das Gedankenkarussell nahm immer wieder Höchsttempo auf. Die mich quälendste Frage: Warum habe ich das deutsche Aus so emotionslos hingenommen? Ganz ruhig, ja fast paralysiert verfolgt? Ich lag sogleich in meinen Gedanken auf dem Fuldaer Uniplatz. 2006. Dort bejubelte ich mit einem Freund dieses Neuville-Tor gegen die Polen so frenetisch, dass wir beide auf dem Boden landeten. Der Freund ist Pole und selbst ihn riss dieses in genau diesem Moment entstehende Sommermärchen im wahrsten Sinne des Wortes mit. Ich stand in Gedanken auf einem Balkon, als Deutschland die Brasilianer 2014 vorführte und ein Kumpel bei jedem deutschen Tor eine Rakete über den Dächern Hünfelds zündete. Es waren sieben. 

Oliver Bierhoff
Muss erneut nach einer WM-Vorrunde mit dem DFB-Team heimreisen: Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff. © Federico Gambarini/dpa

Ich sinnierte darüber, was mir Fußball eigentlich gibt. Ich hatte erst kürzlich ein paar Krokodilstränchen im Knopfloch, als Eintracht Frankfurt das erste Mal in der Champions League auflief und ich diese Magie im Stadion live erleben durfte. Mich riss die Eintracht vom Sitz, als sie kurz vor der WM-Pause Fußball in Reinkultur gegen Hoffenheim spielte. Und ich bin nicht mal Eintracht-Fan. Stimmt also noch alles mit mir, sagte ich mir. Ich brenne noch für meine Leidenschaft. Gut so!

Aber ich bin doch Fan der Nationalmannschaft, fragte ich mich dann. War ich immer. Und den Fußball liebe ich. Schon immer. Und trotzdem keine Emotionen. Nichts. Kein Wutausbruch. Keine Tränen. Keine Trauer. Meinen Kopf konnte ich erst befrieden, als ich ihm sagte: Der DFB lebt seit Jahren in seiner ihm eigenen Welt, hat längst keine Identität mehr, die mitreißenden und/oder erfolgreichen Fußball verspricht. Es ist träge geworden, uninspiriert. Immer gleich, alles erwartbar. Ist es wirklich so einfach? Dann bleibt Hoffnung. Für mich und meine Liebe zum Spiel.

Der Autor:

Johannes Götze ist verliebt. In den Fußball. Schon immer. Seit 2014 trägt er seinen Nachnamen mit noch mehr Stolz. Er schaut Spiele am liebsten allein und scheut Public Viewing. Wäre diesmal auch kälter als sonst. Seit 2014 ist er Redakteur bei torgranate.de und kümmert sich sonst vornehmlich um Amateurfußball, den er mehr liebt als den Kommerz ein paar Ligen weiter oben. Die FIFA mag er nicht. Einen Wettbewerb mit den besten Fußballern der Welt schon. Habt ihr Gedanken, die ihr mit dem Autor teilen wollt, schreibt ihm doch. Bei Facebook. Bei Instagram. Oder per Mail. johannes.goetze@torgranate.de.

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