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Neuanfang? „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“

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Harald Lange spricht über in seinem Gastkommentar über den DFB-Bundestag. Foto: privat
Harald Lange spricht über in seinem Gastkommentar über DFB-Bundestag. © privat

Am Freitag wird der DFB mit seinem 99. Bundestag einen weiteren Neuanfang auf den Weg bringen. Darüber schreibt unser Gast-Autor Prof. Dr. Harald Lange (53), der sich in unregelmäßigen Abständen in der Reihe „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ mit Themen rund um den Fußball beschäftigt. Lange ist Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Justus-Maximilians-Universität Würzburg sowie Autor mehrerer Bücher.

Am Bundestag wird die Nagelprobe darin bestehen, die Basis zurück zu gewinnen. Denn die hat den Verbandsoberen längst das Vertrauen entzogen. Wie könnte es in Zukunft weitergehen, nachdem die vergangenen Tage und Wochen ein Trauerspiel waren? Die Hoffnung könnte darin bestehen es genauso zu tun, wie wir es vom Sport her kennen.

Im Fußball gilt: Nach dem Schlusspfiff freuen wir uns über Punkte, Tore und allerlei gute Spielszenen. Wir sind aber auch betroffen, wenn wir nur ein Unentschieden oder gar eine Niederlage hinnehmen müssen. Nach dem Spiel: Schlüsselszenen werden ausgewertet, Fehler analysiert und Konsequenzen für die nächsten Trainingseinheiten werden gezogen. Vor dem Spiel: Die Aufstellung und Taktik für das nächste Wochenende werden besprochen und die Aufgaben aller Mitspieler werden neu justiert.

Große sportpolitische Herausforderungen

Die Schlüsselszenen der DFB-Vergangenheit waren die vielen Skandale und Fehlleistungen Einzelner. Aber auch die abgehobene Strategie im Umgang mit der Basis. Angefangen beim Hashtag #diemannschaft bis zur Kommunikation einzelner Reformvorhaben (beispielsweise Nachwuchskonzept). Solche Themen muss das neue DFB-Präsidium nach dem Bundestag gründlich analysieren, aufarbeiten und transparent machen. Darauf aufbauend kann das neu formierte Führungsteam den erforderlichen Kulturwandel auf den Weg bringen.

Möglicherweise müssen wir uns von erfahrenen Mitspielern trennen und neue Spielmacher ins Team holen.

Prof. Dr. Harald Lange

Die anstehenden sportpolitischen Herausforderungen sind wahrscheinlich größer als die, die wir in unseren Mannschaften nach dem Saisonabschluss kennen. Dennoch meine ich, dass wir dieses komplexe Geschehen mit dem genialen Zitat „nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ zusammenfassen und auf den Punkt bringen können. Dieser Satz wird dem Trainer der Weltmeister-Elf von 1954, Sepp Herberger, zugesprochen. So ein erfahrener Trainer weiß wovon er spricht: Wir müssen uns über die wichtigsten Ziele verständigen, die Stärken des Verbandes bestimmen und zu den Schwächen der Vergangenheit Lösungen finden. Möglicherweise müssen wir uns von erfahrenen Mitspielern trennen und neue Spielmacher ins Team holen.

Der Teamgedanke wäre übrigens etwas überaus Naheliegendes. Wir brauchen ein breit aufgestelltes Team, in dem persönliche Interessen keine Rolle spielen. Ein Team, in dem sich alle in den Dienst der Mannschaft stellen. Und diese neue Mannschaft hat möglicherweise erstmals die Chance sich tatsächlich (selbst)kritisch mit dem Kurs der zurückliegenden zehn Jahre auseinanderzusetzen. Es muss niemand geschont werden. Nichts muss beschönigt werden.

Eine neue Spielphilosophie muss her

Die Spielmacher der zurückliegenden drei Neuanfänge haben möglicherweise genau an dieser Stelle Fehler gemacht und darauf vertraut, dass man ihnen einfach so folgen mag. Mit Blick auf die Ergebnisse der DFB-Basis-Studie der Universität Würzburg und Hochschule Ansbach liegt es auf der Hand, dass diese Basis definitiv nicht folgsam ist. Im Gegenteil: Die Basis des deutschen Fußballs ist ausgesprochen kritisch. Zugleich zeigen die Ergebnisse aber auch, dass sich die Menschen in den 25.000 Vereinen für Inhalte, Visionen und Ideen interessieren und sich einbringen wollen.

Schaut euch das genau an. Dort schlummert ein gigantisches Potenzial für einen wirklichen Neuanfang. Ihr müsst lediglich herausfinden, wie ihr dieses Potenzial für euch erschließen könnt. Aus den zurückliegenden zehn Jahren wissen wir, dass es nicht genügt neue Spielmacher in Position zu bringen. Wir brauchen eine neue Spielphilosophie!

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