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Testspiele: Welche Mannschaft wollen wir?

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Prof. Dr. Harald Lange spricht in seiner Gast-Kolumne über die deutsche Nationalmannschaft - und was er sich von ihr wünscht.
Prof. Dr. Harald Lange spricht in seiner Gast-Kolumne über die deutsche Nationalmannschaft - und was er sich von ihr wünscht. © Privat

Die Testspiele unter Hansi Flick laufen exzellent. Neun Spiele: Acht Siege und ein Unentschieden. Was will man mehr? Weitere Siege? Vor allem gegen wirkliche Hochkaräter, wie z.B. England, Italien und Ungarn, die in der Nations League auf die Nationalmannschaft warten? 

Wäre der neunte Sieg in Folge (gegen die Niederlande) wichtig gewesen? Ich meine nicht. Wir sollten ganz andere Dinge testen, denn es geht im Fußball um viel mehr als nur um das „1 zu 0“. Ich meine: Neben den positiven Spielresultaten interessieren in solchen Testspielen vor allem konkrete Eindrücke, die unsere Zuversicht in eine bessere Fußballzukunft nähren. Wir wollen schließlich „guten“ Fußball sehen. „Gut“ bedeutet in diesem Zusammenhang weitaus mehr als Siege, Punkte und Tore: Wir wollen schönen Fußball, schnellen Fußball, eine funktionierende, mitreißende Mannschaft. Ein Team mit dem wir uns wieder vollends identifizieren können und von dem wir felsenfest sagen: „Das ist unsere Mannschaft“! 

Dabei steht für mich fest: Sobald wir dieses Urteil fällen, reden wir von wirklich „gutem Fußball“. Und da der „gute Fußball“ nicht vom Himmel fällt, sammeln, bewerten und analysieren wir seit der Amtsübernahme des neuen Trainerteams um Hansi Flick mehr als nur Laufwege und Ballkontakte. Wir betrachten - anders als in den Jahren zuvor - auch Szenen, Eindrücke und Aussagen der Spieler, Trainer und Funktionäre, die uns hoffentlich zeigen, dass wir alle gemeinsam mit unserem Fußball auf dem richtigen Weg sind.

Prof. Dr. Harald Lange wünscht sich mehr Offenheit der Nationalmannschaft

Weil diese Aufgabe für die Testspiele enorm weitreichend ist, nehmen wir aus der Sicht der Fans und DFB-Basis derzeit alles in den Blick. Guter Fußball verweist immer auf eine besondere Atmosphäre. Wir wollen ein neues Team, in dem Talente aus unseren Vereinen ihren Platz finden können. Gleichzeitig erwarten wir aber auch von den gestandenen Nationalspielern mehr als die fußballerische Sicherheit, die ihre Erfahrung mit ins Team bringt. Sie sollen gemeinsam mit den neu hinzukommenden Talenten zeigen, wie sich unser Fußball verändert. 

Schließlich wollen wir den Fußball von morgen spielen. Eine Spielphilosophie, auf die alle anderen Mannschaften bei der WM reagieren müssen. Mehr nicht (…). Mir gefallen Talente wie Nico Schlotterbeck, der im Interview unmittelbar nach seinem Patzer im Spiel gegen Israel (Elfmeter) nach vorn blickte und uns mitteilte, dass er um seine Fehler weiß. Und noch besser: Dass er bereits gemeinsam mit Christian Streich, seinem Heimtrainer in Freiburg, daran arbeite und lernen will. Gleiches sagt auch der Bundestrainer immer wieder: Er will mit der Mannschaft arbeiten und lernen. Dass es sich dabei nicht um eine Floskel handelt, erkennen wir daran, dass er sich gegenüber den Bundesligatrainern, den Fans und zuweilen auch allen anderen Experten öffnet und sie mitnimmt. 

Nichts ist unwichtiger als dieser WM-Titel im Schatten der vielen toten Gastarbeiter.

Prof. Dr. Harald Lange

Nicht nur in Autogrammstunden und Pressekonferenzen. Wenn Joshua Kimmich mitten in der Pressekonferenz bei Hansi Flick anruft, wirkt das ebenso authentisch wie die Gelassenheit, die der Bundestrainer ausstrahlt, wenn er einem jungen Fan während des Mannschaftstrainings die Gelegenheit bietet, aus nächster Nähe Fotos und Selfies von seinen Idolen zu schießen. Solche Szenen machen mir Spaß und solche Szenen verweisen auf das, was ich in diesen Testspielen und dem Drumherum testen will.

Bei soviel Authentizität, Lob und Zuversicht bietet sich zum Abschluss auch ein ebenso kritischer wie hoffnungsvoller Ausblick an. Schließlich geht es in diesem Jahr, kurz vor Weihnachten um ein Turnier im Wüstenstaat Katar. Ich meine, nichts ist unwichtiger als dieser WM-Titel im Schatten der vielen toten Gastarbeiter! Deshalb sollten wir in den Testspielen vor dieser umstrittenen WM auch in dieser Hinsicht mutiger werden und auch ganz andere Themen testen. Ich wünsche mir deshalb an dieser Stelle die gleiche Offenheit und Authentizität, die wir auf dem Spielfeld und in den Pressekonferenzen erleben durften.

Gerade weil das Thema Ernst ist: Deshalb werte ich den Versuch die Mannschaft des DFB irgendwie noch auf die Menschen- und Arbeitsrechtslage in Katar vorzubereiten, als aufgesetzte PR-Maßnahme. Ähnlich wie der Versuch uns glauben machen zu wollen, dass sich allen Ernstes irgend jemand für Gespräche des DFB-Präsidenten in Hinblick auf Menschenrechte interessieren würde. Das alles kommt zehn Jahre zu spät und wird den ausgebeuteten Arbeitern und deren Familien nichts bringen. Habt Mut, seit authentisch und sagt klar heraus was ihr von dieser WM haltet.

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