1. torgranate
  2. Granatenstark
  3. Meinung

"Schaut auf die Kinder und lernt von ihnen"

Erstellt: Aktualisiert:

Prof. Dr. Harald Lange äußerst sich in einem Gast-Beitrag zur xxx. Foto: privat
Prof. Dr. Harald Lange äußerst sich in einem Gast-Beitrag darüber, was die Präsidenten der Landesverbände von Kindern lernen können. © privat

Was können die Präsidenten der Landesverbände und DFB-Bosse von der Basis lernen? Darüber schreibt unser Gast-Autor Prof. Dr. Harald Lange (53), der sich ab sofort in unregelmäßigen Abständen in der Reihe "Die Wahrheit liegt auf dem Platz" mit Themen rund um den Fußball beschäftigt. Lange ist Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Justus-Maximilians-Universität Würzburg sowie Autor mehrerer Bücher.

Der Fußball bietet in seinen Top-Strukturen derzeit ein seltsames Bild. Von außen betrachtet zieht er Kritik magisch an. Fans wenden sich von der Bundesliga und dem Kommerz-Fußball ab und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) führt uns im Schulterschluss mit seinen Landesfürsten eine Fortsetzung des schäbigen Machtspiels aus dem Winter 2020/2021 vor. Es bleibt zu hoffen, dass die sichtbare Realitätsferne in den Chefetagen des DFB nicht um sich greifen mag und irgendwann die wertvolle Arbeit in den Vereinen und auf den Fußballplätzen unseres Landes betreffen könnte.

In Hinblick auf die Fans konnten wir in einer Studie an meiner Universität herausfinden, dass diese Abwendung vorhanden ist und dem Profi-Fußball Geld und Image kostet. Während ich als Sportwissenschaftler den ideellen, moralisch-ethischen Wertverlust zum Thema mache, hat Donata Hopfen, die Geschäftsführerin der DFL, inzwischen bereits den monetären Werteverlust errechnet. Von 1,3 Milliarden Euro Verlust ist die Rede.

Doch was geschieht an der Basis des deutschen Fußballs? Der DFB hat in den zurückliegenden Jahren tausende von Jugendmannschaften verloren, während der Corona-Krise haben wir alle bemerken müssen, dass wir uns in den Vereinen in erster Linie selbst helfen müssen und dass der Breitensport (auch an der frischen Luft) offensichtlich nicht die gleichstarke Lobby hatte wie der Profi-Fußball. Unsere Kinder durften keinen Sport in den Vereinen betreiben und die zarten Kampagnen des DFB waren nicht in der Lage, eine gesellschaftlich relevante und politisch ernstzunehmende Bewegung auszulösen. Scheinbar hat sich die Fußball-Basis daran gewöhnt, in einer anderen Welt leben zu müssen beziehungsweise zu dürfen, als die Fußball-Bosse da oben.

In einer aktuellen Studie möchten wir herausfinden, wie die Basis in den Vereinen über den DFB denkt. In der Befragung, die anonym durchgeführt wird, kannst du uns deine Meinung und Gedanken mitteilen. [link url=https://ww2.unipark.de/uc/SpoWi_Wue/5959/ text=Den Link zum Fragebogen gibt es hier.]

"Meinung Andersdenkender schätzen"

Bei der Ausarbeitung der Befragung stellte sich mir eine Frage: Was können die Landesfürsten und DFB-Bosse von der Basis lernen? Meine Antwort und mein Appell lautet: Schaut den Kindern beim Spielen zu, beobachtet, wie sie um Tore wetteifern, sich über Siege freuen und wie sie Niederlagen verkraften und verarbeiten lernen. Beobachtet, wie sie streiten und sich wieder vertragen. Schaut ihnen während des Aufwachsens dabei zu, welch wundervolle Freundschaften sie im Sport finden, wie sie erfahren, was "Fairplay" ist und wie sie in Teams zusammenwachsen und jeden Einzelnen zu schätzen und respektieren lernen. Kommt ins Gespräch mit Müttern und Vätern, die ihre Kinder zum Fußball bringen, die mit ihnen spielen, sie bei Niederlagen trösten, ihnen neue Fußballschuhe kaufen und Bälle zum Spielen geben. Fragt sie, weshalb Jungen und Mädchen Fußballspielen sollen. Findet im Gespräch mit den ehrenamtlichen Trainern und Betreuern heraus, was unsere Kinder im Fußballtraining erfahren können und welche Hoffnungen in Hinblick auf Zukunft in dieses wunderbare Spiel gelegt werden.

Ich meine: Die 1,3 Milliarden Mindereinnahmen der Profi-Clubs oder der hemmungslos vorgetragene Machtanspruch der DFB-Bosse und Landesfürsten verdecken die wirklich wichtigen Herausforderungen. Deshalb mag ich das in dieser Kolumne gern einmal ansprechen und zur Diskussion stellen. Wir brauchen Ideen und zupackende Fußballerinnen und Fußballer, um unseren Kindern die Faszination und Lerngelegenheiten des Fußballspielens heute, morgen und in Zukunft zu ermöglichen. Vor allem wenn die Zeiten schwierig sind. Und wir haben aus Erfahrung gelernt, dass die wirklich guten Ideen selten immer nur von einem allein kommen. Deshalb ertragen wir in den Vereinen und Fußballkreisen nicht nur die Meinungen der Andersdenkenden und schätzen unsere Vereins- und Kreisvorstände dafür, dass es ihnen so oft gelingt, offen und ehrlich zwischen verschiedenen Meinungen zu vermitteln. Wer möchte schon einem Verein oder Verband angehören, in dem man nicht anderer Meinung als der Chef sein darf? Ich ganz sicher nicht!

Auch interessant