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Sicherheitsgarantie bei der WM in Katar: Freiheiten des Menschen sollten selbstverständlich sein

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Symbolbild Fußball WM Katar 2022
Für die WM in Katar wurde eine Sicherheitsgarantie für die Freiheiten des Menschen ausgesprochen. Unser Gast-Autor findet, dass dies eine Selbstverständlichkeit sein sollte. © dpa/Christian Charisius

Wer zur WM nach Katar reisen möchte, um die Spiele der deutschen Nationalmannschaft live zu erleben, braucht keine Angst vor Inhaftierung, Repression oder Beschränkungen seiner gewohnten Freiheitsrechte zu haben. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) kehrte gestern aus Doha/Katar zurück nach Deutschland und hatte die entsprechende Sicherheitsgarantie mit im Gepäck.

Auf der abschließenden Pressekonferenz in Doha verkündete unsere Bundesministerin des Innern und für Heimat mit gewissem Stolz das Ergebnis ihrer diplomatischen Exkursion nach Katar. Sie hat seitens des Premier- und Innenministers Scheich Khalid bin Khalifa bin Abdulaziz Al Thani die Zusage erwirken können, dass Fußballfans während der WM im Wüstenstaat sicher sein werden. Faeser fasst zusammen: „Alle Menschen, egal woher sie kommen, wen sie lieben und woran sie glauben, müssen bei der WM sicher sein. Jeder Fan muss sich frei und ohne Angst bewegen können.“ Ein Wortlaut des katarischen Ministers in dieser Sache wurde nicht veröffentlicht oder bekannt.

Bis gestern war ich davon ausgegangen, dass solche Freiheiten für Besucher sportlicher Großveranstaltungen eine Selbstverständlichkeit sein sollten. In jedem Land dieser Erde. Auch in Katar. Dass unsere Bundesregierung drei Wochen vor dem Start des Turniers die Innenministerin entsendet, um hinter verschlossenen Türen so einen Deal auszuhandeln, wirkt ebenso verstörend wie die Tatsache, dass trotz der gegebenen Tragweite kein öffentlich einsehbares Dokument im Sinne eines Abkommens oder Vertrags vorliegt.

WM in Katar: Sicherheitsgarantie für Freiheiten des Menschen sollte Selbstverständlichkeit sein

Wir wissen, dass Menschenrechtsorganisationen von zigtausend Bauarbeitern sprechen, die auf den WM-Baustellen zu Tode gekommen sind. Wir wissen auch von Einschränkungen der Pressefreiheit, die für die Zeit des WM-Turniers in Katar gelten. Wir wissen, dass Homosexualität in diesem Land immer noch unter Strafe steht und das Human Rights Watch erst vor wenigen Tagen neue Fälle von Diskriminierung von LGBT-Menschen (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) öffentlich gemacht hat. Wir wissen auch, dass die Einführung des Frauenfußballs in diesem Land weitgehend gescheitert ist und wir wissen, dass der Aufbau des Frauenfußballs als Bedingung für die Vergabe dieser Endrunde festgeschrieben war.

Da wir das alles wissen ist es nachvollziehbar, dass wir uns empören. Das ist das Mindeste, was wir tun können. Schließlich ist die WM für dieses Land nicht erst gestern einfach so vom Himmel gefallen. Nein, die Machthaber und Organisatoren hatten mehr als zwölf Jahre Zeit, sich als Gastgeber vorzubereiten.

WM in Katar: FIFA hatte zwölf Jahre Zeit, Vertrauen zu gewinnen

Ich meine: Da ist einiges schiefgelaufen. Deshalb ist es das Mindeste, dass die Verantwortlichen die Empörung an der Basis aushalten müssen. Schönreden, Ablenken und das Zünden irgendwelcher Nebelkerzen wird dem FIFA-Fußball ebenso wenig weiterhelfen wie der Glaube an eine Verschwörung und Kampagne, die das Gastgeberland dieser WM laut einer Stellungnahme des Staatsoberhauptes zu treffen scheint. Der Emir des Wüstenstaates hatte Ende Oktober in Doha bilanziert, dass Katar einer beispiellosen Kampagne ausgesetzt sei, „die noch kein Gastgeberland jemals erlebt hat“.

Harald Lange
Harald Lange © privat

Wenn man uns nach zwölf Jahren der Vorbereitung ganze 18 Tage vor Turnierbeginn versichert, dass sich Besucher frei und ohne Angst während der WM in Katar bewegen können, dann ist diese Meldung nur auf den ersten Blick eine gute Nachricht. So eine Zusage gehört ins Startpaket der WM-Vorbereitung und hätte in den zurückliegenden zwölf Jahren bei zahllosen Gelegenheiten mit Leben und Vertrauen gefüllt werden können.

Das unmittelbar vor dem WM-Start die Zusicherung von grundlegenden Menschenrechten und gewohnten Freiheiten für Besucher eines Fußballturniers auf höchster diplomatischer Ebene ausgehandelt werden muss zeigt, wie weit die Standards des „guten“ Zusammenlebens auseinanderliegen. Das alles ist bedauerlich. Man hätte in den zurückliegenden Jahren wirklich eine riesengroße Chance nutzen können.

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