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„Uns Uwe“: Der wertvollste Titel, der im deutschen Fußball jemals verliehen wurde

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Uwe Seeler Hamburger SV
Uwe Seeler im Rahmen eines Bundesligaspiels des HSV im Jahr 2016. © dpa/Christian Charisius

Es gibt in Deutschland viele erfolgreiche, aber nur wenige herausragende Fußballspielerinnen und Fußballspieler. Mit dem am 21. Juli verstorbenen Uwe Seeler haben wir allerdings eine Legende in der Geschichte des deutschen Fußballs. Er ist als Spieler und Mensch gleichermaßen legendär und wurde deshalb mit zahlreichen Titeln, Auszeichnungen und Ehrungen bedacht: Fußballer des Jahres, Ehrenspielführer der Nationalmannschaft und Ehrenbürger der Hansestadt Hamburg.

Die Liste ist lang, aber eine Auszeichnung ist aus meiner Sicht ebenso treffend wie einzigartig: Die Fans gaben ihm den Spitznamen „Uns Uwe“. Ich meine: Eine bedeutendere Ehrdarbietung gab es noch für keinen anderen Fußballer in diesem Land. Möglicherweise wird es noch lange dauern, bis eine andere Spielerin oder ein anderer Spieler in die Nähe solch einer Würdigung kommt. Bei näherer Betrachtung der Biografie Uwe Seelers begreifen wir, dass nicht allein seine spektakulären Tore legendär waren. Die hat er – ähnlich wie Gerd Müller – unkonventionell, beispielsweise per Hinterkopf, überraschend und aus jeder Lage heraus erzielen können.

Das Legendäre an Uwe Seeler ist auch seine Bodenständigkeit und Nähe zu Fans, Zuschauern und den Menschen auf der Straße. Spektakulär und aus heutiger Sicht absolut außergewöhnlich: Er blieb dem Hamburger Sportverein seine gesamte Fußballerlaufahn treu, wechselte niemals den Verein, auch wenn er bereits damals – also vor 60 Jahren – andernorts entweder viel Geld hätte verdienen können, oder aber sportlich erfolgreicher hätte sein können.

1961 unterbreiteten die Bosse von Inter Mailand mit 1,2 Millionen D-Mark ein für damalige Verhältnisse außergewöhnliches Angebot, den Verein zu wechseln. Seeler schlug es aus, verzichtete und blieb bei seinem HSV. Als Mittelstürmer war er 1963/64 in der neu gegründeten Bundesliga mit 30 Treffern gleich der erste Torschützenkönig, aber der HSV schaffte es am Ende nur auf Platz sechs. Auch international galt er als einer der besten Stürmer der Welt, obwohl er mit der Nationalmannschaft während seiner Karriere keinen Titel gewinnen konnte.

Prof. Dr. Harald Lange äußerst sich in einem Gast-Beitrag zur xxx. Foto: privat
Prof. Dr. Harald Lange. © privat

Anstelle des Geldes und der Meistertitel sammelte Uwe Seeler jedoch aufgrund seiner wertebasierten, konsequenten Haltung Anerkennung. Er verkörperte Werte, die im Sport wichtig sind und heutzutage nur allzu bereitwillig dem schnellen Ruhm und Geld geopfert werden. Spieler seiner Klasse würden heute entweder bei den Bayern spielen oder in die finanzstarken Ligen nach England, Spanien oder Frankreich wechseln.

Sportjournalist und Fans sorgen für Ehrenbezeichnung

Deshalb waren es im Falle von „Uns Uwe“ auch die Fans, die ein Gespür für Tradition, Treue, Bodenständigkeit und Ehre hatten und ihm diesen ungewöhnlichen Spitznamen verliehen. Im Rückspiel des Europapokals gegen den FC Burnley im Jahr 1961 schaffte der HSV um den aufopferungsvollen Uwe Seeler eine faustdicke Überraschung. Die Hamburger holten den 3:1-Rückstand aus dem Hinspiel auf und zogen sensationell in die nächste Runde ein. Der Erzählung nach war es ein Sportjournalist, der nach Spielende feststellte, das Uwe Seeler nach dieser hingebungsvollen Leistung nun für ganz Deutschland „unser Uwe“ sei. Er sprach damit den Fans aus der Seele, denn die machten daraus die Ehrenbezeichnung „Uns Uwe“, die er seither wie einen Adelstitel führen konnte.

Ich meine, dieser von den Fans verliehene Titel ist die mit Abstand treffendste und wichtigste Ehrung, die ein Fußballer in Deutschland jemals erhalten hat. Sie ist nicht offiziell, sie wurde weder mit einer Medaille noch mit einem Preisgeld verbunden und es gab auch keine Wahl oder Konkurrenz. Sie ist ebenso einzigartig wie die spielerische und persönliche Genialität desjenigen, der damit ausgezeichnet wurde.

Allein deshalb ist es aktuell sehr schwer vorstellbar, ob so eine exponierte Auszeichnung nochmals vergeben wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es auf absehbare Zeit einen „Uns Joshua“ oder „Uns Manuel“ geben wird. Stattdessen suchen die DFB-Oberen immer noch nach Begründungen und Zahlenmaterial, mit der sie den Hashtag und den Markennamen „Die Mannschaft“ für das Nationalteam retten wollen. Was wäre zu tun, damit die Fans solche Slogans aus der Mottenkiste des Fußball-Marketing ignorieren und irgendwann ehrlich und selbstbewusst von „unsere Mannschaft“ und „unseren Spielern“ sprechen?

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