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Wenn alle auf Linie sind...

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Harald Lange spricht über in seinem Gastkommentar über das Ausbrechen aus festen Strutkuren. Foto: privat
Harald Lange spricht über in seinem Gastkommentar über das Ausbrechen aus festen Strutkuren. © privat

Strukturen sind wichtig, aber ergibt Ausbrechen hieraus nicht sogar Sinn, wenn sich das Spiel zum Positiven verändert? Darüber schreibt unser Gast-Autor Prof. Dr. Harald Lange (53), der sich in unregelmäßigen Abständen in der Reihe "Die Wahrheit liegt auf dem Platz" mit Themen rund um den Fußball beschäftigt. Lange ist Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Justus-Maximilians-Universität Würzburg sowie Autor mehrerer Bücher.

Herausragende Talente haben in aller Regel eines gemeinsam: Sie begreifen und spielen das Spiel anders als alle anderen. Sie finden andere Lösungen zu den zentralen Spiel- und Bewegungsproblemen des Fußballs. Dabei erfinden sie den Fußball keineswegs neu, aber setzen wirksame Akzente, die den Unterschied ausmachen.

Der Blick in die Fußballgeschichte zeigt es uns: Im Vergleich zur Masse der "ordentlichen" Fußballer fanden geniale Spieler wie Uwe Seeler oder Gerd Müller andere Antworten auf taktische und technische Aufgaben. Das gilt selbstverständlich auch heute noch: Genau dadurch werden nicht nur Gegenspieler überrascht, sondern eben auch Spiele, Meisterschaften und Turniere entschieden. Das gilt für die Nationalmannschaft ebenso wie für die Kreisliga: Neue Fragen, Wahrnehmungen, Herangehensweisen und Antworten können das Spiel auf ein anderes Niveau und genau deshalb die eigene Mannschaft zum Erfolg führen.

Wir können darüber staunen und uns einfach nur so daran erfreuen. Keine Frage. Deshalb schauen wir solchen Talenten gern zu. Mit Blick auf unsere Mannschaft, das Training und die Nachwuchsförderung wollen wir deshalb wissen was zu tun ist, damit sich solche Spielerinnen und Spieler entwickeln können. Wo kommen sie her? Woher kommt dieses Talent? Was genau ist das Genialische an solchen Spielerinnen und Spielern und unter welchen Bedingungen kann sich dieses Talent optimal entfalten? Antworten auf solche Fragen sollten die Forschung und Debatte um innovative Trainingssysteme und Talentförderprogramme bestimmen. Gleichzeitig ist aber auch die Frage reizvoll, ob es da sogar Lernmöglichkeiten für andere Felder unseres Miteinanders gibt. Ob beispielsweise die Steuerung der Fußballorganisationen, der Wirtschaft oder der Politik davon lernen kann.

Was geschieht, wenn es auf der Linie zu eng wird?

Wir wissen, dass nicht alle gleichzeitig aus der Reihe treten und Geniales entfalten können. Das Spiel hat eine Struktur, der Trainer eine Spielphilosophie und die Mannschaft wird "auf Linie" gebracht. Das gibt Sicherheit und macht die Basis für "ordentliches" Spielen aus. Damit ist bereits viel erreicht und wer mehr, beispielsweise um eine Meisterschaft oder den Titel mitspielen will, der muss sich wohl oder übel mit der Frage auseinandersetzen, ob und an welchen Stellen er diese Linientreue auflockern und aufgeben kann.

Innovation braucht Freiheit, denn selbst die erfolgreichsten Spielphilosophien der zurückliegenden Jahre und Jahrzehnte wurden regelmäßig an Grenzen geführt. Selbst die Idee des Ballbesitzfußballs der Weltmeister-Elf von 2014. Beeindruckend, dass es nur vier Jahre dauerte, bis auch dem letzten Fußballexperten klar wurde, dass diese einst so erfolgreiche Idee im Dachverband des Weltmeisters zu langsam weiterentwickelt wurde. Andere waren da wesentlich schneller und so dauerte es nochmals drei zähe Jahre, bis die Verantwortung für die Weiterentwicklung von "#Die Mannschaft" in neue Hände gegeben wurde.

Im Neubeginn fallen uns zuallererst ungewöhnliche, junge Spieler wie Jamal Musiala, aber auch alte Spieler mit unkonventionellem Potenzial wie Thomas Müller auf. Typen, die aus der Reihe treten können, wenn sich hinter dem Anführer ein Stau bildet und der Raum auf der vorgegebenen Linie zu eng für Innovationen wird. Neben solchen mutigen und ideenreichen Talenten und Spielerpersönlichkeiten brauchen wir eine (Spiel-)atmosphäre und ein Umfeld, in dem neue Ideen ausprobiert und diskutiert werden können. Es geht hier schließlich nicht um einzelne Personen, sondern um ein innovatives Klima.

Achtung: Wenn jemand Linientreue einfordert (…)

Damit wären erneut bei der spannenden Kernfrage angelangt. Falls man bis zu diesem Punkt folgen mag, ergibt die Frage Sinn, ob wir solch eine Atmosphäre auch außerhalb des Spielfeldes und Trainingsgeländes gebrauchen können? Wie sie organisiert sein muss, damit wir einerseits die sicherheitgebende Linientreue bewahren und andererseits den Raum für Innovationen schaffen. Das gilt nicht nur für den seit 2015 zum vierten Mal eingeleiteten Neuanfang in der DFB-Chefetage des Ehrenamts, sondern lässt sich auf weitere Felder unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Miteinanders übertragen. So viel steht fest: Wer bedingungslose Linientreue einfordert und jedes Abweichen knallhart sanktioniert, muss über jeden Zweifel erhaben sein, dass es ihm zuallererst um die Sache und nicht um persönliche Interessen geht.

Stellt euch vor, in welcher Welt wir leben könnten, wenn die Genialität, die Gerd Müller, Uwe Seeler und manche anderen Fußballhelden auf dem Spielfeld entfalten konnten, Transferpotenzial hätte. So illusorisch dieser Gedanke auch erscheinen mag, mit Blick auf die Herausforderungen in der Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft gefällt mir diese Idee.

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