Fußball 2020-2021/Verbandsliga Nord 2020-2021/FC Britannia Eichenzell (weiss) - SG Bad Soden (grau) 2:3
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Carsten Dücker könnte mit vielen Spielen alleine dafür sorgen, dass seine TSG Mackenzell das Schiedsrichter-Pflichtsoll erfüllt. Andere, höherklassige Vereine haben es deutlich schwerer, wie das Beispiel des TSV Künzell zeigt.

Vereinsvertreter und Schiedsrichter äußern sich

Große Herausforderungen durch Pflichtsoll-Revolution - aber auch Verbesserungen?

Vereine sollen den Bedarf an Spielleitungen abdecken, den sie in ihren Mannschaften und Klassen aufweisen. Das ist der Grundgedanke des neuen Schiedsrichter-Pflichtsolls, das ab der neuen Saison in Kraft tritt. Doch was heißt das für die Clubs konkret?

Beispiel TSV Künzell: Bislang musste der Verein für vier Schiedsrichter sorgen – je einen pro Seniorenmannschaft sowie die gesamte Jugendabteilung –, die zwölf Spiele im Jahr pfeifen müssen. Nun ist die Rechnung komplizierter. Stellt der TSV ab Sommer in den gleichen Spielklassen genauso viele Mannschaften wie bislang, bedeutet das: 30 Leitungen für die Gruppenliga-Truppe, 15 für die A-Liga-Reserve. Die Hälfte von 15, aufgerundet 8, aufgrund der B-Liga-Spielgemeinschaft mit Bachrain. Für fünf A- und B-Junioren-Mannschaften der JSG Künzell, in der Bachrain, Dipperz und Dirlos verankert sind, kommen je 10 Leitungen geteilt durch vier, aufgerundet also 3, hinzu. Und in vier Jugend-Teams in C- und D-Jugend, die nur mit Bachrain gebildet wird, sind es 10 geteilt durch zwei, also 5. Macht insgesamt eine Summe von 88 Spielleitungen, die der TSV Künzell abdecken muss.

„88 statt 48 Spiele – das finde ich echt heftig“, sagt Vorstandssprecher Andreas Schmitt, der sich mit sechs Schiedsrichtern im Verein eigentlich glücklich schätzen kann. Aber: „Zwei davon sind über 70, sie machen es nur dem Verein zuliebe. Und drei sind Nachwuchsschiris, die zwar ein Glücksfall für uns sind, allerdings nicht die Vielzahl an Spielen pfeifen, weil sie selbst kicken“, ist Schmitt sich der großen Herausforderung für den TSV und andere Vereine bewusst. Der jahrelange Jugendleiter fürchtet, dass deshalb die Falschen unter dem neuen System leiden: „Irgendwann führt es dazu, dass den Vereinen bewusst wird, was da auf die Jugend zukommt. Und es müssen ohnehin schon viele Anstrengungen unternommen werden, beispielsweise um Trainer zu finden. Vielleicht bleibt das Engagement im Jugendbereich mal auf der Strecke und es werden weniger Mannschaften gemeldet.“

Dücker sieht Vereine in der Pflicht

Schmitt möchte zudem nicht ausschließen, dass sein Verein irgendwann dazu übergehen muss, engagierte Schiedsrichter abzuwerben. „Wenn wir den Soll im ersten Jahr nicht erfüllen und eine Strafe zahlen müssen, dann rechnet man vielleicht gegeneinander auf, was man für einen oder zwei ‚Vielpfeifer‘ aufbringen müsste.“ Hessenliga-Referee Carsten Dücker kennt diese Überlegungen, wurde selbst schon von einigen Vereinen versucht abzuwerben. „Wenn ich die 1000 Euro, die da vielleicht auf den Tisch gelegt werden, wollen würde, wäre ich schon längst weg. Wertschätzung ist mir aber mehr wert als Geld“, betont der Mackenzeller Referee, der mit rund 50 Spielen pro Saison alleine dafür sorgen könnte, dass seine TSG den Pflichtsoll erfüllt.

Dücker sieht die Vereine in der Pflicht, mehr Schiedsrichter zu gewinnen: „Wir sind ein Zahnrad im Gefüge, aber das kommt bei vielen nicht an. Wenn sich die Vereine wirklich kümmern würden, hätten wir kein Schiedsrichter-Problem.“ Deshalb glaubt der Hessenliga-Referee nicht, dass sich mit der Pflichtsoll-Anpassung viel verbessern wird. „Grundsätzlich war die Reform überfällig, es ist ein Schritt in eine zukunftssichernde Richtung. Aber andererseits weiß ich nicht, ob die Reform weit genug greift beziehungsweise welche Risiken sie birgt. Ich sehe zum Beispiel die Gefahr, dass die Breite verloren geht.“

Fuldas Kreisschiedsrichterobmann Hans-Dieter Köhler sieht durch den Wegfall der Zwölf-Spiele-Reglung derweil eine Chance, dass manche Schiedsrichter ihren Vereinen schon mit weniger geleiteten Partien helfen können. „Das Thema Pflichtsoll beschäftigt uns ja schon seit Jahren, wir im Ausschuss waren intensiv eingebunden in die Planungen. Der Ansatz ist da, aber das Problem der Schiedsrichterzahl wird die Reform nicht unbedingt lösen“, fürchtet der Fuldaer Ansetzer, der auf 256 Unparteiische zurückgreifen kann und einigen Nachbarkreisen in den vergangenen Wochen schon mächtig aushelfen musste. „Dadurch, dass das Soll zwei Jahre nicht ermittelt wurde, ist die Thematik Schiedsrichter in den Vereinen leider ein bisschen eingeschlafen.“

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