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Von Mackenzell bis Tiflis: Hermann Dücker war auf allen Plätzen zuhause

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Von: Ralph Kraus

Hermann Dücker Schiedsrichterassistent Bayern München
Hermann Dücker (rechts, leicht verdeckt von einer Fotografin) als Assistent bei einem Bundesligaspiel im Münchner Olympiastadion zwischen dem FC Bayern und Arminia Bielefeld. Links sind Karl-Heinz Rummenigge und Bayern-Torwart Manfred Müller zu sehen. © privat

Hermann Dücker prägte die heimische Fußballszene über viele Jahrzehnte wie kaum ein anderer. Erst als Spieler, dann als Schiedsrichter und schließlich als Funktionär war Dücker nicht nur im Bezirk Fulda mehr als 50 Jahre ein Begriff.

Richtig in Fahrt brachte die Laufbahn von Hermann Dücker erst eine schwere Verletzung. Beim Spiel seiner TSG Mackenzell in Kirchhasel brach er sich das Schien- und Wadenbein. 1966 war das. Dücker war damals 21 Jahre alt.

Eben jene Verletzung war der Beginn einer langen Laufbahn auf der anderen Seite des Platzes: Der heute 77-Jährige legte seine Schiedsrichter-Prüfung ab, pfiff drei Jahre später bereits in der damals drittklassigen Hessenliga, stieg schließlich in die Zweite Bundesliga auf und wurde erst in der Bundesliga, dann sogar auf Uefa-Ebene Assistent auf höchstem Niveau.

Hermann Dücker auf Sportplätzen von Mackenzell bis Tiflis

So war Dücker viele Jahre Stammgast in den deutschen Stadien. Ob im Süden im Grünwalder- oder Olympiastadion von München oder im Norden im Hamburger Volkspark – Dücker war Wochenende für Wochenende quer durch die Republik unterwegs. International ging es mal nach Norwegen, mal leitete er Partien von Teams wie Feyenoord Rotterdam, ein anderes Mal brisante Duelle wie ein U18-Länderspiel zwischen der Bundesrepublik und der damaligen DDR.

Highlight war aber seine Ansetzung als Assistent unter Spitzen-Schiedsrichter Volker Roth zum Europapokalspiel zwischen Dinamo Tiflis und dem französischen Pokalsieger SC Bastia aus Korsika. „Über die Reise könnte ich einen Vortrag halten, der sehr lange dauern würde“, blickt Dücker noch gern zurück. „Damals gehörten die Georgier zur Sowjetunion, die Einreise dorthin war normalerweise ein kleiner Akt. Wir durften aber ohne jede Kontrolle, ohne Visum einreisen und mussten lediglich ein kleines Formular ausfüllen. Es ging erst von Frankfurt nach Moskau, dann noch mal die gleiche Strecke weiter nach Tiflis. Montags ging es los, mittwochs war das Spiel und erst am Freitag ging es wieder nach Hause“, erinnert sich Dücker.

„Wir wurden quasi auf Schritt und Tritt begleitet. Nachts fuhren vor unserem Hotel Panzer vor, hunderte Soldaten marschierten auf. Da wurde einem angst und bange. Bis wir erfuhren, dass das wichtige Übungen für die traditionelle Militärparade waren, die nur wenige Tage später stattfand. Da hast du aus dem Fenster geschaut und wusstest zu dieser Zeit nicht so recht, was da gerade passiert.“ Im Stadion selbst wurden es 100.000 Zuschauer, die die Partie verfolgten. Nach dem 1:1 im Hinspiel gewann Tiflis mit 3:1, kam eine Runde weiter. Das Tor für Bastia schoss damals übrigens Roger Milla, der neun Jahre später WM-Held seines Landes Kamerun werden sollte.

Dücker über Amateurfußball: „Die Struktur wurde komplett zerstört“

1976 folgte Dückers Einstieg auf die Funktionärsebene. Erst kam der Posten des Kreis-Schiedsrichter-Obmanns, dann des Kreis-Rechtswarts. 1987 wurde Dücker stellvertretender Bezirks-Fußballwart. Nach dem Tod von Reinhold Völker war er dann schließlich das Oberhaupt im Fuldaer Bezirk, leitete die Geschicke bis ins Jahr 2008 elf Jahre lang.

Hermann Dücker im Westfalensadion mit Manfred Burgsmüller und Thomas Hörster
Als Assistent im Westfalenstadion: Hermann Dücker (rechts) bei der Platzwahl der Kapitäne Manfred Burgsmüller (Dortmund, rechts) und Thomas Hörster von Bayer Uerdingen. © privat

So wie er den Bezirk leitete, verließ er ihn schließlich – mit erhobenem Haupt und einem Knall. „Das war eine sehr positive Zeit, aber der Verband mit dem damaligen Präsidenten Rolf Hocke wollte gegen den Willen der Basis Reformen durchsetzen, die schlecht für den Amateurfußball waren. Hocke hat das mit Nachdruck forciert und schließlich ist es gekommen, wie wir alle befürchtet haben: Die Strukturen wurden total zerstört, der Kontakt zwischen Verband und Vereinen ist abgebrochen. Heute, knapp 15 Jahre später, fühle ich mich mehr denn je bestätigt. Da habe ich lieber Schluss gemacht, als so eine Willkür mitzutragen.“

Typisch Dücker eben. Denn sein Leben lang stand er für eine gerade Linie – sowohl privat als auch im Sport und in der Politik. Sogar dort war Dücker aktiv, sei es mehr als 50 Jahre als Gemeindevertreter in Nüsttal, 30 Jahre im Kreistag, als Schöffe am Landgericht oder im Regierungspräsidium als Mitglied der Regionalversammlung, wo der 2019 von einem Rechtsextremisten erschossene Walter Lübcke zu einem guten Freund wurde.

Hermann Dücker heute nur noch selten am Sportplatz

Als Dücker 2015 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen wurde, sagte Landrat Bernd Woide: „Ich habe in den all den Jahren, in denen ich Hermann Dücker kenne, kein einziges Mal erlebt, dass er nach links oder rechts ausgewichen wäre. Er ging seinen Weg immer geradeaus.“ Passender hätte man Dücker in einem Satz kaum beschreiben können.

Heute lebt Dücker mit Ehefrau Gitte (fußballerisch) zurückgezogen in seinem Heimatort Silges. „Auf die Sportplätze zieht es mich nur noch selten. Wenn, dann bin ich mal in Steinbach oder Eiterfeld. Oder aber meine Frau und ich schauen uns ein Spiel an, das unser Sohn Carsten pfeift“, sagt Dücker, der mit sich im Reinen ist. „Rückblickend gibt es nur Kleinigkeiten, die ich heute vielleicht anders machen würde. Im Großen und Ganzen würde ich den Weg wieder genau so gehen.“

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