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Der Liebling geht – und bleibt doch

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Von: Johannes Götze

Joshua Herbert hatte einiges zu tun. Foto: Torgranate
Joshua Herbert blickt wehmütig, stolz und glücklich auf seine Zeit als Schiedsrichter. © Torgranate

Joshua Herbert ist der in vieler Augen beste und beliebteste Schiedsrichter Osthessens – nun aber einer ohne Perspektive. Deswegen verlässt der 27-jährige Nüsttaler nach acht Jahren freiwillig die DFB-Ebene. Ein Gespräch über die Gründe, ein Blick zurück und einer nach vorne.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Geburtstage, Hochzeiten oder Junggesellenabschiede ich in den vergangenen Jahren abgesagt habe, weil ich als Schiedsrichter unterwegs war. Unzählige.“ Ein Satz, der den persönlichen Verzicht von Joshua Herbert umreißt. Als Beispiel dient die abgelaufene Spielzeit, als er in 16 Drittliga-Spielen als Assistent im Einsatz war. Waren die Spiele wochentags, gingen dafür mit An- und Abreise jeweils drei Tage drauf. Hinzu kommen unzählige Lehrgänge und die intensive Vorbereitung auf Leistungstests. Dafür hat der Nüsttaler, der für den FSV Schwarzbach pfeift, ebenfalls viel entbehren müssen, „weil gerade die Laufprüfungen immer anspruchsvoller werden. Darauf muss ich mich intensiv vorbereiten, habe beispielsweise extrem auf die Ernährung achten müssen und auf den Alkohol verzichtet.“

Die Opfer, die Herbert brachte, sollten ihn nach ganz oben führen. Schon früh wurde deutlich, dass ihm die Schiedsrichterei besonders liegt. Trotz vielversprechender Ansätze als Fußballer, entschied er sich früh für die „andere Seite“. Schon mit 19 Jahren war er als Schiedsrichter der B-Junioren-Bundesliga auf DFB-Ebene gelandet. Schnell folgte der Sprung in die viertklassige Regionalliga und schließlich die Nominierung als Drittliga-Assistent. Er pfiff im A-Junioren-Pokal das Duell „seiner“ Bayern gegen Dortmund oder das U-Länderspiel zwischen Italien und Israel. Er war Assistent beim in der ARD übertragenen Drittliga-Topspiel zwischen Magdeburg und Kaiserslautern und leitete vor zweieinhalb Wochen das Hessenpokal-Finale zwischen den Offenbacher Kickers und dem TSV Steinbach Haiger. 

Joshua ist von seiner Art der beste Schiedsrichter, der mich gepfiffen hat. Alles, was ich auf dem Platz als Schiedsrichter mache, will ich wie er machen.

Torgranate-Redakteur Steffen Kollmann, selbst Schiedsrichter und Gruppenliga-Fußballer

Letzteres war ein Bonbon von Verbandsschiedsrichter-Obmann Gerd Schugard (Dipperz), der Herbert dieses Spiel als „Dankeschön“ offerierte. Herbert hatte ihm kurz zuvor seine unumstößliche Entscheidung mitgeteilt, fortan nicht mehr auf DFB-Ebene zur Verfügung zu stehen. Denn mit gerade einmal 27 Jahren ist er Opfer des Jugendwahns geworden. Gemeinsam mit vier anderen Schiedsrichtern zählte er in der vergangenen Saison zum Förderkader. Der Beste sollte aufsteigen, die Wahl fiel auf einen jüngeren Kollegen.

Spezielles Verhältnis zu Robert Schorstein

Ein „besonderes“ Verhältnis hatten Robert Schorstein (kleines Foto)und Joshua Herbert zueinander. Den damaligen Ehrenberger Spielertrainer Schorstein stellte Herbert in Kürze zweimal mit Gelb-Rot vom Platz. „Der erste Platzverweis war glockenklar, über den zweiten lässt sich diskutieren“, erinnert sich Herbert im Rückblick und gibt zu: „Zwischen uns hat die Chemie einfach nicht gestimmt. Aber das merkt man relativ schnell und lässt sich dann auf dem Platz in Ruhe.“

Schorstein hegt jedoch keinen Groll und fasst sich an die eigene Nase: „Ich war mit meiner Art natürlich ein ekliger Spieler. Wenn man sieht, welchen Weg Joshua gegangen ist, dann muss ich mir ehrlicherweise die Frage stellen, wer damals der Idiot war. Wahrscheinlich ich.“ Dass Herbert der Schiedsrichterei auf niedrigerem Niveau erhalten bleibt, freut Schorstein, der betont: „Menschlich hatten wir nie ein Problem miteinander. Aber wenn ich gelesen habe, dass er uns pfeift, habe ich schon überlegt, ob ich nicht lieber arbeiten gehen soll.“

„In den vergangenen Jahren hat ein massives Umdenken stattgefunden. Um Top-Schiedsrichter auf internationalem Niveau heranzuziehen, fördert der DFB insbesondere die jüngeren Schiedsrichter, zu denen ich auf Regionalliga-Ebene aber schon nicht mehr zähle“, erklärt Herbert, der keinen Groll hegt: „Es wurde offen kommuniziert, dass bei gleichem Leistungsniveau der jüngere Schiedsrichter aufsteigen darf.“ Da es so kam, war die letzte Chance vertan, einen weiteren Aufstieg hinzulegen. Herbert machte sich eingehend Gedanken über seine persönliche Zukunft und traf die Entscheidung, sich vermehrt Familie und Beruf zu widmen, nicht mehr jede Hochzeit absagen zu müssen. 

Ein sehr guter, angenehmer und auch strenger Schiedsrichter. Mir fällt nichts Negatives über ihn ein. Was mir gefällt: Er spricht mit den Spielern so, wie wir Spieler mit den Schiedsrichtern sprechen. Auf Augenhöhe.

Nicolas Jann, SSV Ulm

Der Blick von Herbert ist durchaus wehmütig, denn ihm wurde von vielen Seiten eine ganz große Karriere vorausgesagt. Weil er nie arrogant wirkt, sich auf dem Platz stets im Hintergrund hält, den Charakter eines Spiels schnell durchschaut und sich insbesondere bei Trainern und Spielern höchster Beliebtheit erfreut. 

Nicht einmal sorgte er in seinen hunderten Spielen in der heimischen Region für Negativschlagzeilen. Kommt Herbert an den Sportplatz, freut’s die Vereine. „Gerade am Anfang meiner Laufbahn, war das vielleicht sogar ein Problem, weil ich das Spiel wie ein Fußballer wahrnehme. Die richtige Balance zu finden, war nicht immer leicht“, sagt Herbert, der nun vielleicht auch mal wieder selbst für die SG Elters/Eckweisbach/Schwarzbach auflaufen wird. „Wenn sie in der Dritten mal jemanden brauchen, sage ich wahrscheinlich nicht nein“, sagt Herbert und lacht. 

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