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„Die Deutschen waren in Katar unbeliebt“

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Von: Steffen Kollmann

Thore und Lars Hütsch WM in Katar
Thore (links) und Lars Hütsch vor dem Lusail Iconic Stadium – dort, wo in acht Tagen das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft steigen wird. © privat

Was Familie Hütsch und die deutsche Nationalmannschaft gemeinsam haben? Beide flogen pünktlich vor Beginn des Achtelfinales der Weltmeisterschaft wieder nach Hause. Der große Unterschied: Die Margretenhauner blicken deutlich positiver auf ihre Zeit in Katar zurück. 

Insgesamt 13 Spiele besuchten Birgit, Lars und Thore in knapp zwei Wochen, sieben von acht Stadien sahen sie von innen. „Ich wäre am liebsten dort geblieben und würde es sofort wieder machen“, lautet Lars Hütschs Fazit. Der Familienvater ist ein alter Hase, was den Besuch bei großen Fußballturnieren angeht. Bei der Europameisterschaft 1988 in Deutschland besuchte er erstmals ein Großereignis, seitdem war er fast bei allen Welt- und Europameisterschaften vor Ort.

Familie Hütsch: „Die Deutschen waren in Katar unbeliebt“

Die schönste sei die EM in England 1996 gewesen, auch wegen der damaligen Fannähe. „Wir waren bei der deutschen Nationalmannschaft, als Sepp Maier mit Oliver Kahn und Oliver Reck gerade ein Torwarttraining veranstaltete. Da konnte ich mich noch mit Sepp Maier auf den Rasen setzen und über das letzte Spiel unterhalten“, berichtet der Schiedsrichter des RSV Margretenhaun.

Ganz anders geht es 26 Jahre später zu. Als die Familie mit ihrem Mietwagen zum Quartier der DFB-Elf fuhr, machte sich schnell Enttäuschung breit. Obwohl sie die einzigen deutschen Fans waren, die zu diesem Zeitpunkt vor Ort waren, durften sie das Training nicht besuchen. Und als die Hütschs weiter zu den umliegenden Tennisplätzen fahren wollten, wurden sie sofort von einem Polizeiauto gestoppt.

Das passte ins Bild eines unglücklichen Auftritts der deutschen Mannschaft in Katar, den Lars Hütsch auf ganz eigene surreale Weise beschreibt: „Angesichts der Stadien hatte man den Eindruck, dass Ufos mitten in der Wüste gelandet waren. Die deutschen Spieler sind wie Aliens dort angekommen, bis auf Thomas Müller jeder mit seinen dicken Kopfhörern komplett abgeschottet. Und am Ende waren sie doch nur wie E.T.: Sie wollten wieder nach Hause.“

Ticketrückgabe erfragt: FIFA kontaktiert Familie Hütsch vor der WM

Nach der Vorrunde war bekanntlich Schluss, und Familie Hütsch musste wie vor vier Jahren in Russland mit der Schadenfreude anderer Fans leben. Viele deutsche Mitstreiter hatten die Margretenhauner nicht auf ihrer Seite. Bei den Spielen der DFB-Elf seien nur rund 3000 deutsche Fans im Stadion gewesen, im Fandorf waren ausschließlich Anhänger aus anderen Nationen. Generell stellte Lars Hütsch fest: „Die Deutschen waren in Katar unbeliebt“, während Sohn Thore ergänzt: „Der Beliebtheitsgrad hat sich nach dem ersten Spiel nicht gerade verbessert.“

Die von der FIFA verbotene One-Love-Kapitänsbinde trug Manuel Neuer zwar nicht, beim obligatorischen Mannschaftsbild hielten sich die Spieler aber die Hand vor den Mund. Die Botschaft: „Wir lassen uns nicht den Mund verbieten.“ Schon vor dem Turnier wurden die Margretenhauner von der FIFA per Mail kontaktiert, ob sie ihre erworbenen Karten nicht zurückgeben wollen. Gastfreundschaft sieht anders aus, obwohl Lars Hütsch betont: „Sonst wurde alles dafür getan, dass es dir gut ging“, denkt er an die vielen Helfer, schönen Strände und das gute Essen zurück.

Wenngleich kulturelle Unterschiede deutlich wurden. Zum Beispiel aßen die einheimischen Frauen und Männer in den Restaurants getrennt voneinander. Auch die Unterkunft in den quadratischen Wohnblöcken war gewöhnungsbedürftig. Zwei Betten, zwei Schränke, ein Fön – mehr hatten die Zimmer nicht zu bieten. Nicht alles im Land war so luxuriös wie die Einkaufs-Malls, wo es Achterbahnen gab oder Venedig nachgebaut wurde. Die Hütschs besuchten eine Kamelrennbahn, sahen dort Leute aus der ärmeren Schicht. Aber: „Slums haben wir nicht gesehen, obwohl wir mit dem fast neuen Mietwagen 1500 Kilometer gefahren sind. Und auch von Sklaven hat man nichts mitgekriegt. Im Gegenteil: Wir haben uns mit einem Studenten aus Kenia unterhalten, der einfach glücklich war, dort sein Geld verdienen zu können“, erzählt Lars Hütsch.

So negativ, wie die WM hierzulande teilweise gesehen wird, nahm die Familie die Veranstaltung keineswegs wahr. Trotz 13 besuchter Spiele und teurerer Tickets für Touristen als für Einheimische kamen die drei mit 2000 Euro pro Person auch finanziell gut weg – dank frühzeitig gebuchter Flüge, günstigem Essen und Benzinpreisen von 42 Cent pro Liter. Die Hütschs freuen sich schon auf den Besuch der Weltmeisterschaft 2026 – dann in Mexiko, den USA und Kanada.

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