Das Highlight seiner Karriere: Patrick Stumpf (links) im Trikot des F91 Düdelingen in der Europa League gegen den AC Mailand (hier Tiemoue Bakayoko, nun Spieler beim SSC Neapel). Foto: imago/Eibner
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Das Highlight seiner Karriere: Patrick Stumpf (links) im Trikot des F91 Düdelingen in der Europa League gegen den AC Mailand (hier Tiemoue Bakayoko, nun Spieler beim SSC Neapel).

Familienmetzgerei statt Europa League

Einst den AC Mailand als Gegner, künftig "nur" noch die SG Barockstadt: Patrick Stumpf hat sich in den zurückliegenden Jahren einen Traum erfüllt. Aus Griesheim zog er einst für das Profi-Dasein fort, nun ruft die familieneigene Metzgerei. Der 33-Jährige wird wieder heimisch.

„Ich bin gerade beim Corona-Test. Melde mich in fünf Minuten“, sagt Stumpf, als wir ihn vor einigen Wochen anrufen. Es läuft die Endphase der Saison. Corona ist allgegenwärtig, Stumpf wird mehrmals die Woche getestet. Das alles ist verpflichtend und für ihn selbstverständlich. Es ist schließlich ein Privileg, dass er seinen Beruf und sein Hobby fast uneingeschränkt ausüben darf. In der luxemburgischen Ersten Liga spielt der Offensivmann beim FC Etzella Ettelbrück. In der jüngst abgelaufenen Saison ist der FC Tabellenvorletzter geworden. Den Abstieg mussten Stumpf und Co. nie fürchten. Corona sorgt dafür. Die Liga spielte, weil die Startplätze für die internationalen Wettbewerbe ermittelt werden mussten. Der Meister darf in die Qualifikation zur Champions League, Platz zwei und drei zur Europa Conference League.

Doch mit dem fast täglichen Training ist für Stumpf nun Schluss. Er schließt sich wieder Hessenligist Viktoria Griesheim an. Seinen Jugendverein verließ er 2010 Richtung Kaiserslautern II. „Als kleiner Junge hatte ich immer einen Ball am Fuß. Ich wollte unbedingt Profi werden“, schildert er. Stationen bei Idar-Oberstein und TuS Koblenz folgten, so richtig Profitum war das nicht. Und deshalb wählte der Stürmer 2014 einen ungewöhnlichen Weg. Es zog ihn nach Luxemburg.

In Deutschland hätte er in die Dritte Liga wechseln können. Ihn reizten andere Dinge. „Ich wollte was erleben. In Deutschland wäre das höchste der Gefühle wohl die Teilnahme am DFB-Pokal gewesen. In Luxemburg war die Möglichkeit da, internationalen Fußball zu erleben“, so Stumpf. Also folgte er den Worten des heutigen Co-Trainers von RB Leipzig, Dino Toppmöller. Der Sohn des einstigen Erfolgtrainers von Leverkusen, Klaus Toppmöller, war Spielertrainer bei Hamm Benfica. „Dino sagte nach meinem Wechsel: ‘Pass auf, wir spielen irgendwann Europa League.’ Geglaubt habe ich das nie“, gesteht Stumpf. Doch vier Jahre nach der Ankunft in Luxemburg wurde Toppmöllers Vorhersage wahr.

Hexenkessel Warschau, Bunker Mailand

Stumpf wechselte 2018 zu F91 Düdelingen. Trainer dort mittlerweile: Dino Toppmöller. Düdelingen war – mal wieder – Meister geworden, die Möglichkeit, auf europäischer Ebene zu spielen, vorhanden. Der ungarische Club MOL Fehérvár FC wartete in der Champions-League-Quali-Runde. Dem 1:1 im Heimspiel folgte ein 1:2 auswärts. „Beim Hören der Hymne kribbelt es noch heute“, beschreibt der Stürmer. So unglücklich das Ausscheiden war, umso glücklicher waren die folgenden Wochen. In der Euro-League-Quali ging es weiter, der FC Drita Gjilan aus dem Kosovo wurde ausgeschaltet. Stumpf traf beim 1:1 im Rückspiel, das nach dem 2:1 im Hinspiel zum Weiterkommen reichte.

Mit Legia Warschau wartete ein polnisches Spitzenteam. Düdelingen wurde aufmüpfig, siegte in Warschau 2:1, sodass die Sensation nach dem 2:2 im Rückspiel perfekt war. Ein Tor erzielte der gebürtige Griesheimer, das andere bereitete er vor. Zudem holte er bei der Auswärtspartie eine Rote Karte heraus. „Wir haben uns auf zwei geile Spiele gefreut. Mit der Zeit wuchs der Glaube. Als die Legia-Fans ihre Mannschaft ausgepfiffen haben, waren wir voll im Fokus“, erinnert er sich gerne an den Hexenkessel in Warschau zurück. Als in der letzten Qualifikationsrunde der CFR Cluj aus Rumänien ausgeschaltet wurde, war Düdelingen in ganz Fußball-Europa bekannt.

Sechs Gruppenspiele in der Europa League folgten, für Stumpf purer Genuss. Obwohl er nur in deren drei mitwirken konnte, ein Muskelfaserriss machte ihm zu schaffen. Highlight schlechthin war das Spiel beim AC Mailand. „Die Gästekabine war ein Bunker, nichts besonderes. Bei Olympiakos Piräus hatten wir dagegen luxuriöse Verhältnisse“, erinnert sich der 33-Jährige. Immerhin einen Punkt sackten die Luxemburger ein, beim abschließenden Spiel gegen Betis Sevilla (0:0).

Fortan Metzgermeister Stumpf

Neben der Europa League räumte Stumpf mit seinem Team national alles ab. Meister, Pokalsieger und Ligapokalsieger. Das Triple steht in seiner Visitenkarte. Nach nur einem Jahr brach er seine Zelte in Düdelingen ab. Wegen der Zukunft. Wegen des Vaters. Der sagte, dass sein Sohnemann den Blick auf nach der Karriere richten solle. Anstatt Vollprofi zu sein, ging er nun nebenbei arbeiten. In der familieneigenen Metzgerei in Griesheim. Zweimal die Woche war er vor Ort, pendelte zwischen Ettelbrück und seinem Heimatort. Fortan ist er täglich zugegen. Die Metzgerei existiert nun seit fast 100 Jahren, der Uropa gründete das Unternehmen, dass Stumpf irgendwann führen soll. Dafür steht bald die Meisterprüfung an, den Gesellen machte er bereits nach seiner Schulzeit. Um das Abschlussessen beim Hessenligisten muss sich somit ab der neuen Saison keiner mehr Gedanken machen. Zumal das Familienunternehmen gar als Sponsor beim SC Viktoria tätig ist.

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