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Wie Masih Saighani zum Helden Bangladeschs wurde

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Von: Tino Weingarten

Masih Saighani trägt seit Januar 2022 wieder das Trikot von Türk Gücü Friedberg. In den Jahren zuvor verwirklichte er seinen Traum vom Profi-Fußball in Indien und Bangladesch.
Masih Saighani trägt seit Januar 2022 wieder das Trikot von Türk Gücü Friedberg. In den Jahren zuvor verwirklichte er seinen Traum vom Profi-Fußball in Indien und Bangladesch. © Bernd Vogt

Nationalspieler. Profi in zwei Ländern gewesen. Was im ersten Moment gewöhnlich klingt, ist im Falle von Masih Saighani besonders. Der 35-Jährige wurde als Verbandsliga-Spieler zum Profi. Erst in Indien, dann in Bangladesch.

2017 war das, Saighani war wie heute für Türk Gücü Friedberg aktiv. Die Entscheidung, 7500 Kilometer entfernt den Traum vom Profi-Fußball zu leben, sei eine schnelle gewesen. „Man wird nicht jünger“, lacht Saighani und fügt an: „Als diese Möglichkeit kam, habe ich mir natürlich ein paar Tage Zeit genommen, mit der Familie gesprochen. Aber ich war nicht wirklich sesshaft in Deutschland.“ Deshalb nahm er das Angebot des amtierenden Meisters Aizawl FC an. Das Abenteuer begann.

Masih Saighani: „Man lernt das Leben in Deutschland schätzen“

Aber wie werden indische Vereine auf einen Spieler eines Verbandsligisten aufmerksam? Saighani ist afghanischer Nationalspieler, spielte Ende 2015 bei der Südasienmeisterschaft in Indien mit. „Wir haben ein gutes Turnier gespielt, im Finale aber gegen Indien verloren. Danach kamen ein paar Anfragen, einige Berater haben mich angeschrieben“, erklärt der 35-Jährige. Im August 2017 ging es dann in den Flieger. Vor Ort stellte sich für Saighani vieles professioneller heraus, als er sich das vorgestellt habe: „Die Gegebenheiten und Plätze sind sehr gut. Die Mannschaften leben in Hotels. Da wurde sich sehr um uns gekümmert. Eigentlich mussten wir nichts machen, außer Fußball spielen.“

Die Fußballer waren abgeschottet. Saighani sah jedoch, wie die Menschen in Indien und Bangladesch leben. Vor allem Indien zählt zu den ärmsten Ländern der Erde. „Auf der Straße sieht man sehr viel Schlechtes. Man lernt das Leben in Deutschland schätzen. Als ich wieder hier war, bin ich unter die Dusche gesprungen und direkt war warmes Wasser da. Es war für mich immer selbstverständlich. Dort kommt es mal vor, dass der Strom ausfällt oder gar kein Wasser da ist.“

Indien ist im Fußball ein bisschen weiter, vor allem finanziell. Da wird viel Geld reingebuttert.

Masih Saighani

In seiner Debütsaison brachte es der in Marburg geborene Innenverteidiger auf 14 Spiele und einen Treffer. Nach einem Jahr folgte der Wechsel nach Bangladesch, dort spielte er für den Hauptstadt-Club Abahani Limited Dhaka. 2019 ging es erneut nach Indien zu Chennaiyin FC, 2020 - nach dreimonatiger vereinsloser Zeit - zu seinem ehemaligen Verein in Bangladesch. Die Unterschiede? „Indien ist im Fußball ein bisschen weiter, vor allem finanziell. Da wird viel Geld reingebuttert und auf die Infrastruktur geachtet. Das fehlt in Bangladesch, die gesamte Liga hat in einem Stadion gespielt“, sagt Saighani.

Verglichen mit dem Fußball in Deutschland fallen die Unterschiede jedoch noch gravierender aus: Die Jugendarbeit spielt in beiden Ländern eine untergeordnete Rolle. „Das ist ein Grund, warum es ein Land wie Indien mit über einer Milliarde Einwohner noch nicht geschafft hat, sich für eine WM zu qualifizieren. Verglichen mit Deutschland sind das Welten. Es gibt Vereine, die haben nicht einmal eine Jugendmannschaft. Dafür würde man hier bestraft werden“, berichtet Saighani. Abahani, sein Verein in Bangladesch, sei der größte und älteste Verein des Landes. Dennoch unterhält er nur die erste Mannschaft. Eine Reserve oder Jugend - Fehlanzeige.

Profi-Abenteuer endet trotz unterschriebenem Vertrag

Der 35-Jährige blickt mit Stolz auf seine Erfahrungen in den beiden Ländern zurück, war gar am größten Erfolg einer Fußballmannschaft aus Bangladesch beteiligt. Im AFC-Cup, vergleichbar mit der Europa League, ging Abahani als Tabellenführer in den letzten Spieltag, wäre aufgrund des Erfolgs von Chennayin im Parallelspiel allerdings ausgeschieden. Saighani schoss in der dritten Minute der Nachspielzeit jedoch den Siegtreffer und sorgte für das Weiterkommen. „Das war ein genialer Moment, für den Fußball in Bangladesch war das ein riesen Ding. Das Maximale waren vier Punkte in der Gruppenphase“, sagt er.

Im Sommer 2021 bereitete sich Saighani auf einen erneuten Wechsel nach Indien vor, Real Kashmir nahm ihn unter Vertrag. Während der Saisonpause weilte Saighani in Deutschland, kümmerte sich um ein Visum für Indien - bekam aber keins mehr ausgestellt: „Ich gehe davon aus, dass das wegen der aktuellen politischen Lage in Afghanistan war. Dann hat die Runde irgendwann angefangen, und es wurde alles zu spät.“ Aufgrund der anstehenden Qualifikation für die Asienmeisterschaft mit Afghanistan wollte Saighani aber nicht ohne Verein bleiben, der alte Kontakt nach Friedberg flammte wieder auf. Seit Januar 2022 ist der 35-Jährige wieder ein Teil von Türk Gücü und half mit, den Hessenliga-Klassenerhalt zu schaffen.

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