1. torgranate
  2. Hessenliga

Adler-Schock in letzter Sekunde

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Johannes Götze

Der beste Aufsteiger ist Rot-Weiß Walldorf, hier ist Nils Herdt (rechts) im Duell mit Steinbachs Fabian Wiegand. Foto: Kevin Kremer
Nils Herdt hat den Sieg bei Adler Weidenhausen in letzter Sekunde für Rot-Weiß Walldorf gesichert. © Kevin Kremer

In einer hektischen Hessenliga-Begegnung hat der SV Rot-Weiß Walldorf die drei Punkte beim starken Aufsteiger SV Adler Weidenhausen durch einen Treffer des eingewechselten Nils Herdt in der vierten Minute der Nachspielzeit an sich gerissen und ist durch den sechsten Sieg in Folge auf Tabellenposition zwei vorgerückt.

Mit einem von Drittligist SV Wehen Wiesbaden zur Verfügung gestellten Mannschaftsbus traten die Walldorfer erstmals die Reise in den nordosthessischen Werra-Meißner-Kreis an. Trainer Artur Lemm hatte den Gastgebern schon vor dem Anpfiff für die geholten zwölf Punkte seinen Respekt gezollt: „Das ist beeindruckend. Wir müssen gegen diese körperbetont spielende Mannschaft über die Mentalität kommen.“

Mit dem Mannschaftsbus von Wehen Wiesbaden

Das gelang in der Anfangsphase nur bedingt. Zwar hatte Walldorf schon in den ersten zehn Minuten zwei gute Abschlüsse durch die beiden Stürmer Ilias Benazza und Mahdi Mehnatgir, aber die Gäste agierten in den Zweikämpfen noch zu locker. Es fehlte der Tick an Aggressivität, um auf einem so schwierigen Terrain wie in Weidenhausen bestehen zu können. Torchancen erarbeiteten sich die Walldorfer über die gesamte Spielzeit verteilt en masse. So traf Linksverteidiger Ahmet Dogan mit einem wuchtigen Schuss die Latte (19.). Aggressiv gegen den Ball sollten Lemms Schützlinge arbeiten, um sich nicht vom Aufsteiger den Schneid abkaufen zu lassen. Da kam der Führungstreffer der Gäste nach 25 Minuten gerade recht, als Mehnatgir sich aus der Distanz ein Herz fasste und herrlich traf, da durfte er sich zurecht frenetisch feiern lassen.

Die Kulisse am Chattenloh war mit 512 handgezählten Besuchern etwas überschaubarer als in den Heimspielen zuvor. An diese Zahl kommt Walldorf bei seinen Heimpartien nicht annähernd heran. Unter dem Publikum wurde in einer Ecke auch Stadtallendorf-Trainer Dragan Sicaja gesichtet, der aufmerksam zuschaute. Im zweiten Abschnitt versuchte Weidenhausen Druck aufzubauen, Moritz Krug hatte die Ausgleichschance. Der fiel dann, weil Walldorfs rechter Verteidiger Maximilian Huß gegen Moritz Krugs Eindringen in den Strafraum ungestüm vorging. Jan Gerbig nutzte die Gelegenheit, um den fälligen Foulelfmeter zu verwandeln (58.).

Lemm hadert mit Spielweise des Gegners

Auf Walldorfer Seite häuften sich die Reklamationen. Da wurden des Öfteren Handspiele im Strafraum gesehen, Schiedsrichter Steffen Rabe erklärte sie jedes Mal zu „Stützhänden“ und gab keinen Elfmeter. Die Begegnung wurde nun immer hektischer, es wurde viel von außen diskutiert. Sei es über eine Tätlichkeit an einem Gästeakteur, die ungeahndet blieb, weil sie der Assistent nicht gesehen hatte beziehungsweise schlichtweg nicht aufgepasst hatte.
 
Oder über das vermeintliche 2:1 der Gastgeber durch Toro Moreno, der RWW-Torhüter Marcel Czirbus den Ball aus der Hand schlug (73.). Der Treffer war schon gegeben und durch den Platzsprecher durchgesagt, nach vehementen Protesten der Gäste wurde dieser aber berechtigterweise annulliert. In der Schlussphase war es ein offener Schlagabtausch. Weidenhausen riskierte vielleicht zu viel, statt den einen Zähler abzusichern. Walldorfs Dogan traf erneut die Latte und in der vierten Minute der Nachspielzeit nutzte der eingewechselte Nils Herdt die Freiräume und sorgte für kollektiven Jubel bei Walldorf (90.+4).

Weidenhausens Trainer Roland Leonhardt war nach dem Abpfiff etwas geschockt: „Das ist schon eine extrem bittere Sache, aber Walldorf trat schon extrem stark auf. Dennoch wäre aus meiner Sicht ein Punkt drin und verdient gewesen, auch wenn die Gäste insgesamt mehr vom Spiel hatten. Wir allerdings hätten ein Stück weit entschlossener und sauberer nach vorne spielen können. Am Ende ist das Ergebnis so wie es zustande kommt ärgerlich.“

Diese sehr mannhafte Spielweise ist legitim. Aber manchmal zu viel.

Artur Lemm

Gästecoach Lemm versuchte nach der Partie die Gefühlswelt der Walldorfer gewohnt ausführlich zu analysieren: „Wir sind überglücklich, dass wir dieses Tor noch geschossen haben. Der Sieg ist hochverdient, weil wir so unfassbar viele klare Torchancen hatten. Leider hat sich Maximilian Huß nicht an die Vorgabe gehalten in der eigenen Box zu grätschen und so gab es den Elfmeter. Ungeachtet dessen muss das Spiel 4:1 bis 6:1 ausgehen. So ein Sieg ist aber schön, weil wir spüren, dass man bis zum Schluss daran glauben muss.“

Was Lemm am Gegner missfiel: „Versteckte Fouls im Rücken des Schiedsrichters, das hat Weidenhausen eigentlich nicht nötig. Ich habe das artikuliert, dafür wurde ich beschimpft. Ich zolle Adler Weidenhausen meinen Respekt, denn diese sehr mannhafte Spielweise ist legitim, um das Spiel auf seine Seite zu ziehen. In manchen Situationen war es aber zu viel.“ Wohin die Reise von Walldorf nach dem sechsten Sieg in Folge und dem Sprung auf Rang zwei gehen könnte? „Mir geht‘s um die Entwicklung der Mannschaft. Wir haben 15 Neuzugänge. Ich habe eine bekannte Philosophie, wir haben nach Eintracht II die zweitmeisten Tore. Wir haben aber auch erst sechs kassiert. Wir wollen entwickeln und eine gute Platzierung. Wir sind keine Mannschaft, die aufsteigen will. Wir wollen gut dastehen und uns weiter entwickeln.“

Die Statistik:

SV Adler Weidenhausen: Wassmann; Görs (62. Nguyen), Assman (66. Beng), Toro Moreno, Pfliegner (66. Felmeden) – K. Krug, Schneider – M.Krug (90.+2 J. Ullrich), T. Ullrich, Gerbig – S. Gonnermann.
SV Rot-Weiß Walldorf: Czirbus; Huß, Thomasberger, Matheisen (64. Metzler), Dogan – Ludwig – Borger (83. Neway), Vogt, Vogler (74. Konate Lueken) – Benazza (62. Matondo), Mehnatgir (80. Herdt).
Schiedsrichter: Steffen Rabe (Münchholzhausen).
Zuschauer: 512.
Tore: 0:1 Mahdi Mehnatgir (25.), 1:1 Jan Gerbig (58., Foulelfmeter), 1:2 Nils Herdt (90.+4).

Auch interessant