1. torgranate
  2. Hessenliga

Rassismus-Vorfall: Ein Anhänger von Barockstadt war‘s

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Johannes Götze

Ein Bild mit Symbolcharakter: Der Waldgirmeser Spieler Glodi Bebe und Barockstadts Sportlicher Leiter Volker Bagus warten gemeinsam auf das Urteil des HFV.
Ein Bild mit Symbolcharakter: Der Waldgirmeser Spieler Glodi Bebe und Barockstadts Sportlicher Leiter Volker Bagus warten gemeinsam auf das Urteil des HFV. © Johannes Götze

Die rassistische Beleidigung gegen einen Spieler des SC Waldgirmes konnten einem einzelnen Anhänger der SG Barockstadt zugeordnet werden. Dies ergab die mündliche Verhandlung vor dem Sportgericht in Grünberg.

Das war passiert: Im Hessenligaspiel zwischen dem SC Waldgirmes und der SG Barockstadt (3:3) vor wenigen Wochen wurde der Waldgirmeser Ersatzspieler Glodi Bebe von einem zu diesem Zeitpunkt noch nicht identifizierten Zuschauer rassistisch beleidigt. Das Spiel wurde anschließend unterbrochen und der Zuschauer von Ordnern des Platzes verwiesen. Beide Vereine verurteilten das Verhalten des Zuschauers nach dem Spiel, das nach Absprache aller Beteiligten noch sportlich zu Ende gebracht wurde, auf das Schärfste. 

Täter nach Rassismus-Vorfall überführt, aber kein Mitglied der SG Barockstadt

Der Vorfall rief das Sportgericht auf den Plan.Im Zuge der Ermittlungen wurde der Täter durch die Verantwortlichen der SG Barockstadt identifiziert, an das Sportgericht um dessen Vorsitzenden Rainer Lach gemeldet und ihm ein Hausverbot erteilt. Bei der Anhörung der Zeugen wurde deutlich, dass ein Spielabbruch durchaus im Bereich des Möglichen lag, was Bebe aber nicht wollte, „weil dann wahrscheinlich jedes Spiel abgebrochen wird“. Das rief Lach auf den Plan: „Aus sportlicher Sicht ist es Ihnen hoch anzurechnen, die Spiele auf dem Rasen und nicht am Grünen Tisch gewinnen zu wollen. Wenn diese Beleidigungen aber an der Tagesordnung sind, dann ist ein Abbruch mit den ganzen Konsequenzen eine Möglichkeit, um ein Zeichen zu setzen.“

Bei Bebe distanzierten sich schon direkt nach dem Spiel Trainer, Spieler und Verantwortliche der SG Barockstadt von den Aussagen des einzelnen Zuschauers. Volker Bagus, Sportlicher Leiter der SG Barockstadt sagte in der Verhandlung, „dass uns das unfassbar für Glodi Bebe und den SC Waldgirmes leidtut. Es ist traurig, dass so etwas auf dem Sportplatz passiert. Aber es ist unmöglich, jedem Zuschauer das Maul zu stopfen.“

Es ist unmöglich, jedem Zuschauer das Maul zu stopfen.

Volker Bagus, Sportlicher Leiter der SG Barockstadt

Der Täter erschien gestern nicht vor Gericht – aus einfachem Grund. Zwar ist er Anhänger der SG Barockstadt, allerdings kein Mitglied des Vereins – und auch kein Mitglied eines anderen Vereins im Hessischen Fußball-Verband. Die Sportgerichtsbarkeit des HFV kann aber nur jemanden vorladen und bestrafen, wenn eine Vereinsmitgliedschaft vorliegt. Warum dennoch verhandelt wurde: Sowohl der SC Waldgirmes (als Gastgeber mit Hausrecht) als auch die SG Barockstadt hätten bestraft werden können, wenn ihnen schuldhaftes Tun oder Unterlassen nachgewiesen worden wäre. Beides war dem Sportgericht nicht möglich, weswegen die Kosten des Verfahrens zulasten des Verbandes gehen. Glodi Bebe könnte zivilrechtlich gegen den Täter vorgehen.

Rainer Lach verurteilt den Täter auf das Schärfste, kann ihn aber nicht belangen

Lach weiß, dass das Nicht-Urteil einen faden Beigeschmack besitzt, kann dies aber erklären. „Auf gar keinen Fall soll das Urteil den Anschein erwecken, dass der Hessische Fußball-Verband Fälle von Rassismus oder Diskriminierung nicht ernst nimmt, denn das Gegenteil ist der Fall. Aber dieses Verfahren zeigt ganz einfach, wie schwierig es ist, hier Bestrafungen auszusprechen. Waldgirmes hat als Gastgeber fast alles richtig gemacht, den Zuschauer des Platzes verwiesen. Barockstadt hat sich intensiv um die Ermittlung des Täters gekümmert und ihm ein Hausverbot ausgesprochen. Mehr geht nicht, weil dem Täter die Vereinsmitgliedschaft fehlt“, erklärte Lach im Gespräch mit dieser Zeitung und verurteilte das Verhalten des Täters aufs Schärfste: „Da fehlen mir die Worte. Rassismus darf auf dem Sportplatz und in unserer Gesellschaft keinen Platz einnehmen, nimmt aber mehr und mehr zu.“

Kommentar

Alltagsrassismus ist ein gesellschaftliches Problem – leider sogar im Sport. „Das ist mir in der Emotion herausgerutscht“, sagt dann oft der, der den anderen verbal verletzt hat – und fügt an: „So war das ja gar nicht gemeint. Stell‘ dich nicht so an.“ In Waldgirmes war die Sachlage noch schlimmer – und das Spiel wäre um ein Haar abgebrochen worden.

Dass sich in dieser Zeit, in der Krieg und Corona die Schlagzeilen beherrschen, Sportgerichte mit so etwas beschäftigen müssen, ist ein Armutszeugnis für den Täter. Dass dem Verband die Hände gebunden sind, schlichtweg eine traurige Begleiterscheinung. Richtig geurteilt hat der HFV dennoch, denn bestraft sollten nur die werden, die tatsächlich schuldig sind. Und: Die Verhandlung hat deutlich aufgezeigt: Die Vereine respektieren sich, die Spieler respektieren sich. Für Waldgirmes und Barockstadt ist die Sache ausgestanden.

Auch interessant