Der Dreieich-Plan: Wie die Hessen in drei Jahren in die Regionalliga wollen

Rudi Bommer trainierte zuletzt Viktoria Aschaffenburg. Foto: dpa.

Zweifelsohne: Mit Rudi Bommer hat Hessenligist SC Hessen Dreieich einen dicken Fisch an Land gezogen. Als Spieler holte er mit Düsseldorf zweimal den DFB-Pokal, mit der Deutschen Nationalmannschaft, für die er sechsmal auflief, spielte er 1984 die Europameisterschaft in Frankreich, zudem holte er 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul die Bronze-Medaille. Als Trainer schaffte es der 59-Jährige mit Duisburg in die Bundesliga, mit Burghausen in die Zweite Liga und den Amateuren von Eintracht Frankfurt in die Regionalliga (heutige Dritte Liga) aufzusteigen. Jetzt hat der Ex-Profi überraschend Dreieich übernommen. Im Interview erläutert Bommer die Hintergründe seines Wechsels.

Nach Ihrem Rücktritt beim bayerischen Regionalligisten Viktoria Aschaffenburg schrieb das Fachmagazin Kicker in seiner Online-Ausgabe, sie wollen noch einmal höherklassig trainieren. Dass es nun letztlich der Hessenligist Dreieich geworden ist, klingt doch ein bisschen widersprüchlich ...

Die Aussage hatte mich ein bisschen verwundert, von mir war sie jedenfalls nicht (lacht). Das Engagement bei meinem Heimatverein Aschaffenburg war von Anfang an auf Zeit ausgelegt, und ich hatte im Winter drei Angebote vorliegen, wie es für mich weitergehen könnte. Insgesamt hat mich das Konzept von Dreieich am meisten überzeugt, sodass ich mich dafür entschieden habe. Die Gespräche mit Charly Körbel (Neuer Vorstand Sport von Hessen Dreieich, Anm. d. Red.) waren sehr gut.

Wie sieht das Konzept von Dreieich konkret aus?

Der JFC Frankfurt, der von Charly gegründete Jugendklub, wird nach Dreieich kommen und hier sein Zuhause finden. Ob es eine Fusion wird oder ob die Spieler mit Zweitspielrecht für uns spielen werden, das kann ich derzeit noch nicht sagen, da es noch nicht final geklärt ist. Dreieich soll ein Ausbildungsverein werden und es reizt mich, junge Spieler weiterzuentwickeln. Wir wollen langfristig etwas auf die Beine stellen und in der Jugend natürlich auch irgendwann durchgängig in der Hessenliga spielen. Mit Charly und Ralf (Weber, Co-Trainer, Anm. d. Red) habe ich zwei Menschen an meiner Seite, die ich schon lange kenne und sehr schätze. Da Dreieich von meinem Wohnort Aschaffenburg auch nicht allzu weit entfernt ist, ist das für mich eine ideale Geschichte. Ich glaube, die ganze Region Frankfurt kann davon profitieren. Es kann schließlich nicht jeder im Internat von Eintracht Frankfurt leben.

Welche sportlichen Ziele verfolgt die erste Mannschaft?

Zunächst steht der Klassenerhalt in der aktuellen Spielzeit im Vordergrund. Ralf und ich haben uns mehrere Spiele der Mannschaft angeschaut und sind der Überzeugung, dass das Potenzial für den Ligaverbleib auf jeden Fall vorhanden ist. Dennoch müssen wir natürlich an einigen Stellschrauben drehen: Mir ist beispielsweise aufgefallen, dass die Mannschaft relativ breit gefächert steht. Auch die Unachtsamkeiten in den Spielen müssen wir abstellen. Wir wollen daran arbeiten, dass wir erst einmal in der Defensive gut stehen. In der kommenden Spielzeit wollen wir uns dann in die Spitzengruppe etablieren, um in dem darauffolgenden Jahr möglichst in die Regionalliga aufzusteigen. Wenn uns das aber schon in der kommenden Spielzeit gelingen sollte, wäre das natürlich eine feine Sache.

Dafür soll weiterhin kräftig in die Mannschaft investiert werden. Ex-Mainz-Profi Mimoun Azaouagh wurde schon verpflichtet, zudem kursieren die Namen Youssef Mokthari (unter anderem Köln und Duisburg) sowie Patrick Ochs (zuletzt VfL Wolfsburg) rund um den Hahn-Air-Sportpark ...

In der Vorbereitung sollen zunächst die Spieler eine Chance bekommen, die dem derzeitigen Kader angehören. Dennoch wollen wir die Mannschaft noch punktuell verstärken. Es ist richtig, dass wir mit Youssef gesprochen haben. Ob wir uns letztlich einig werden, muss man sehen. Auch der Name Patrick Ochs ist im Umfeld gefallen, da er in der Nähe von Dreieich wohnt. Ich glaube jedoch, Patrick kann noch einige Jahre auf einem anderen Niveau als dem in der Hessenliga spielen. Mittelfristig würden wir gerne den einen oder anderen Spieler zurück in das Rhein-Main-Gebiet holen und vor allem junge Spieler heranführen.

Dreieich wird Ihre erste Station im Amateurbereich sein. Was glauben Sie, wird Sie dort erwarten?

Zunächst einmal war Aschaffenburg für mich auch ein Verein im Amateurbereich, auch wenn das eine Regionalliga-Mannschaft war. Wir haben dort viermal die Woche trainiert und das ausschließlich abends, das wird in Dreieich nicht anders sein. Grundsätzlich ist der Fußball der gleiche, als Trainer musst du ohnehin in jeder Liga flexibel sein. Auch im Profibereich sagen dir Spieler mal kurzfristig ab, dann musst du auch dein Training umbauen. Nun sind die Gründe eben andere, als Amateurfußballer musst du mal länger arbeiten als eingeplant. Aber das ist kein Problem. Einzig die Intensität der Trainingseinheiten muss anders gesteuert werden, da die Spieler eben tagsüber arbeiten.

Haben Sie sich mit der Hessenliga eigentlich schon intensiver beschäftigen können?

Wir, also das Trainerteam, haben uns schon einige Spiele angeschaut. In der heutigen Zeit, in der alle Spiele gefilmt werden, ist es wirklich leicht, sich über alles zu informieren. Sicherlich haben wir, was die Spielklasse betrifft, noch ein bisschen Nachholbedarf, aber wir werden nichts dem Zufall überlassen und die Gegner beobachten.

Der Hahn-Air-Sportpark versprüht mit seinem kleinen Stadion, dem neuen Kunstrasen, zwei großen LED-Videoleinwänden und dem neuen Funktionsgebäude wiederum das Flair des professionellen Fußballs ...

Das stimmt, die Anlage ist wirklich toll und sehr gepflegt. Der Kunstrasen sowie der Rasenplatz werden im Trainingsbetrieb bestimmt voll ausgelastet sein, sobald mit allen Mannschaften gearbeitet wird. Unsere ambitionierten Pläne den sportlichen Unterbau, mit den notwendigen Jahrgängen, auf gutem Niveau zu etablieren wird uns zu einer geschickten zeitlichen Trainingsplanung zwingen. Es durchaus möglich, dass wir die Anlage noch erweitern, vielleicht weichen wir aber auch aus.

Abschließend steht eine Frage noch im Raum. Nach über 40 Jahren Profißfußball, haben Sie da noch einen Traum?

Nein, Träume hatte ich mit 18. Ich habe in meiner langen Karriere so viel erleben dürfen, für mich geht es vor allem darum, dass mir die Arbeit Spaß macht. Es würde mich riesig freuen, wenn ich mit Dreieich in die Regionalliga aufsteigen könnte, der Aufstieg in die vierte Liga fehlt mir nämlich noch.

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