Gerhard ist Co-Trainerin des Haimbacher SV

27.02.2019

Machogehabe in der Kabine stößt auf taube Ohren

Marie-Theres Gerhard nimmt eine Sonderstellung in unseren Gefilden ein: Die 23-Jährige ist seit vergangenem Sommer Co-Trainerin des Haimbacher SV und somit als eine der wenigen Frauen im Trainerstab eines Seniorenteams aktiv.

Gerhard war zweifelsohne eine der begabtesten Fußballerinnen der Region. Doch schon früh, mit 13 Jahren, begann ihre persönliche Knie-Odyssee, die nach drei Operationen und ebenso vielen langen Pausen 2016 ihren Tiefpunkt mit dem frühen Laufbahnende fand. Spielmacherin mit ausgemachtem Torinstinkt war sie. „Lauffaul und Bälle verteilen. Klassisch eben“, beschreibt Gerhard ihre frühere Rolle. Für Britannia Eichenzell spielte sie in der Jugend, später für die TSG Lütter im Frauenbereich. Dort blieb sie als frischgebackene Physiotherapeutin auch nach dem aktiven Ende und zählt einige ihrer ehemaligen Mitspielerinnen noch immer zum engsten Freundeskreis.

Doch war sie in Lütter nicht feste Physiotherapeutin („Wenn was anfiel, habe ich geholfen“), sollte dies zu ihren Anfangszeiten beim Haimbacher SV anders werden. Durch Zufall landete sie im Mai 2017 beim HSV. Flugs übernahm sie die komplette Betreuung: nach dem Training, während der Spiele. Unter Timo Peikert wuchs sie ganz unbewusst in ihre neue Rolle. Bei den Trainingseinheiten vermehrt dabei, übernahm sie weitere Aufgaben. Und als Moritz Pfeiffer sein Amt als Co-Trainer für das des Sportlichen Leiters aufgab, war Gerhard plötzlich erste Wahl. Als Kapitän Julian Heins, nach seiner Meinung befragt, Gerhard den Rücken stärkte („Wo soll ein Problem sein, du machst doch jetzt schon nichts anderes“), waren die Würfel gefallen. Nun ist sie in Haimbach quasi in Doppelmission unterwegs, denn auch als Physio ist sie noch aktiv.

"Ich stehe zu 100 Prozent dahinter"

„Sehr zeitintensiv, weil ich hinter Dingen zu 100 Prozent stehe“, stellt Gerhard nach sechs Monaten fest und muss zugeben, „dass ich in meiner Wohnung manchmal nur zum Schlafen bin“. Und dennoch ist ihr neuer Nebenjob eine Erfüllung, „weil das für mich der perfekte Ausgleich zur Arbeit darstellt“. Früher war dies der Fußball auf dem Platz, heute eben an der Seitenlinie. Chefcoach Peikert nimmt sie dabei durchaus als Lehrmeister wahr, „weil ich auch durch ihn nun ganz viel anders sehe, als ich das in meiner aktiven Zeit gemacht hatte“.

Um Akzeptanz habe sie bei den Spielern nie buhlen müssen, auch weil sie bei Passformen im Training schon mal das Feld auffüllt und ihr fußballerisches Talent unter Beweis stellt. „Das hat mir sicherlich geholfen. Wenn die Jungs nicht wüssten, dass ich kicken kann, wäre es für mich garantiert deutlich schwerer“, gibt die gebürtige Rothemannerin, die jetzt in Petersberg lebt, zu. Und sie gewährt auch einen Einblick in die Kabine des HSV: Der von Testosteron durchtriebene Männersport erfährt gerade dort manch zweifelhaften Höhepunkt. Sprüche nahe der Gürtellinie – auch in Richtung Gerhard – bleiben nicht aus. „Das härtet ab, und das prägt mich. Die Jungs wissen, dass sie mich damit etwas sticheln können, aber ehrlich gesagt habe ich damit keine Probleme.“

Auch nicht, wenn sich die Spieler lautstark überschüssiger Luft entledigen. „Manch ein Neuer entschuldigt sich dafür, weil er sich ertappt fühlt. Aber irgendwo ist das in der Kabine eben normal“, sagt die 23-Jährige und lacht. Weil Gerhards Persönlichkeit ob der unterschiedlichen Herausforderung noch mehr an Profil gewinnt, bleibt so oder so ähnlich eines der Zitate des großen französischen Schriftstellers Albert Camus zu konstatieren: „Alles was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.“

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