Foto: Imago/Panoramic International
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Foto: Imago/Panoramic International

Antwerpen statt Hünfeld II

Flutlichtspiel. Erste belgische Liga. KV Oostende gegen Royal Antwerpen. Und auf der Bank der Hausherren mit Markus Pflanz (46) ein Cheftrainer aus Langenschwarz, der vor zweieinhalb Jahren noch in der Gruppenliga aktiv war.

3. Oktober 2019. Der TSV Künzell empfängt den Hünfelder SV II zum Heimspiel. Nach 3:1-Führung verliert der TSV 3:4. Noch auf dem Platz tritt Markus Pflanz nach Schlusspfiff als Künzeller Trainer zurück. Als abstiegsgefährdeter Tabellenletzter.

Am vergangenen Freitag – 841 Tage später – sitzt der 46-Jährige erstmals wieder als Chefcoach auf der Trainerbank. Oostende statt Künzell. Belgische Eliteklasse statt Gruppenliga. Royal Antwerpen statt Hünfelder SV II. Europa-League-Teilnehmer statt Verbandsliga-Reserve.

„Für uns alle war es eine seltsame Woche“, sagt Pflanz nach dem Spiel auf Englisch in der Pressekonferenz. Cheftrainer Alexander Blessin war erst 48 Stunden vor Anpfiff zum italienischen Erstligisten CFC Genua gewechselt, sein seit Sommer 2020 tätiger Co-Trainer Pflanz als Interimscoach eingesprungen. Das ging selbst für den übertragenden belgischen TV-Sender zu schnell, der bei der Präsentation der Mannschaftsaufstellung weiterhin Blessin als KVO-Trainer ankündigt.

Auf dem Platz wird aber schnell klar, wer der Chef ist. Sechs Minuten sind gespielt, als Pflanz nach einem nicht geahndeten Foul von Antwerpens Radja Nainggolan – für den Inter Mailand im Sommer 2018, als Pflanz als Trainer von Aulatal nach Künzell wechselte, 38 Millionen Ablösesumme bezahlt hatte – mit dem vierten Offiziellen sowie dem gegnerischen Trainer lautstark aneinander gerät. Vermeintlich gefoult wurde Frederik Jäkel, neben Nick Bätzner einer von zwei deutschen U21-Nationalspielern bei Oostende. Ihnen ruft Pflanz Anweisungen auf deutsch zu – der Rest wird komplett in Englisch geregelt.

Anfeuerungen vom Hochhaus

Es entwickelt sich eine ziemlich ausgeglichene Partie, die abstiegsgefährdeten Hausherren halten mit dem Tabellendritten gut mit. Am Anfang werden sie auf ungewöhnliche Art und Weise unterstützt: Obwohl pandemiebedingt keine Zuschauer zugelassen sind, ertönen zum Anpfiff Anfeuerungsrufe. Sie kommen von einem naheliegenden Hochhaus, auf dem rund 40 bis 50 Fans auf dem Dach in Richtung Díaz-Arena blicken können. Anhänger der Hausherren, die im dortigen Basketballclub spielen und in besagtem Gebäude wohnen. Kurz darauf verstummen die Gesänge aber, vermutlich hat die Polizei die Party aufgelöst.

Nach torloser erster Hälfte wird die Musik also wieder vom Band abgespielt: „Verdammt, ich lieb’ dich“ von Matthias Reim erklingt zuerst, gefolgt von „How Much Is The Fish“ von Scooter. Zur Erinnerung: Das Spiel findet im Norden Belgiens statt, wo flämisch und französisch gesprochen wird. Die kurz darauf folgende Tormusik geht dann aber wieder in Richtung belgischer Technokultur. In der 48. Minute trifft Oostende zur Führung, doch sorgt unter anderen der frühere Nürnberger Michael Frey dafür, dass Antwerpen noch mit 2:1 gewinnt. Angesichts der finanziellen Unterschiede der Vereine kein Wunder: Die Gäste zahlten im Sommer fast 25 Millionen an Ablösen für neue Spieler – Oostende 2,5.

Pflanz ist trotzdem bedient, zeigt seine Enttäuschung mit einem zarten Tritt gegen die Auswechselbank. Dass es auf der Pressekonferenz Lob des gegnerischen Trainers gibt, hilft ihm wenig. Interessant wird es am Ende, als ein lokaler Medienvertreter Pflanz auf seine Zukunft anspricht. Möchte Pflanz Blessin nach Genua folgen? Oder will der Osthesse sogar Cheftrainer in Oostende werden?

Der 46-Jährige antwortet souverän, lässt alles offen. „Mir gefällt es hier. Ich hoffe, dass ich bleiben kann“, folgt zumindest ein kleines Bekenntnis in Richtung KVO. Die Spieler dürften das gerne hören. Nach dem vermeintlichen 1:0, das später durch den Videoassistenten aberkannt wird, springt Théo Ndicka Matam in die Arme des Interimstrainers. Ein Zeichen der Wertschätzung.

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