Kabinenfoto von Niklas Mazeczekmit Keeper Kevin Trapp und Pokal.
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Kabinenfoto von Niklas Mazeczek mit Keeper Kevin Trapp und Pokal.

Schlüchterner Niklas Mazeczek

Der, der die Helden der Eintracht fit macht

Sogar eine Woche nach dem sensationellen Europapokalsieg von Eintracht Frankfurt kann Niklas Mazeczek das Erlebte schwerlich einordnen. Ein Versuch.

Treffen im Restaurant. Fester Händedruck und strahlendes Gesicht. „Ist schon alles unfassbar. Bin froh, dass ich wieder Stimme habe“, sagt Mazeczek zur Begrüßung mit brüchiger Stimme. So ganz ist sie eben doch nicht zurück – und während des fast zweistündigen Gesprächs sackt sie einige Male weg. Die Augen werden dann leicht rot. Immer, wenn es emotional wird, wird er emotional.

Eintracht-Triumph in der Europa League: „Passende Wort noch nicht gefunden“

Und in den vergangenen Tagen und Wochen wurde es für den Physiotherapeuten und Osteopathen der Eintracht oft emotional. Unfassbar. Unbeschreiblich. „Wir haben ja wirklich viele Wörter im Duden stehen, die passenden habe ich aber noch nicht gefunden“, sagt er. Der Höhepunkt des Gefühlschaos erreichte er beim finalen Schuss von Rafael Borré, als der die Eintracht im Elfmeterschießen gegen Glasgow Rangers zum Sieg schoss. Mazeczek stand in diesem Moment an der Seitenlinie. Arm in Arm mit Trainerteam, Ersatzspielern, Betreuern und medizinischer Abteilung. Seinen Arbeitskollegen.

Wenn schon Fans sagen, dass das mit Traualtar und Kreißsaal vergleichbar ist. Was soll ich denn dann sagen? Es gibt einfach keine Worte.

Niklas Mazeczek

„Als der Ball drin war, bin ich aufs Feld gerannt und habe mich komisch gefühlt. Irgendwas hat sich gelöst. Irgendwie habe ich mich leer gefühlt, aber auch befreit und unbeschreiblich glücklich“, schildert er und rief seine Frau Georgia im Überschwang der Gefühle an, die wegen der zwei gemeinsamen Kinder nicht mitreisen konnte.

Dann feierte er mit der Mannschaft. Zuerst in der Kabine, dann in einem Club in Sevilla. Um 6 Uhr lag er im Bett, genoss drei Stunden Schlaf, bevor nach gemeinsamen Frühstück der „Partyflieger“ nach Frankfurt abhob und er Teil des dreistündigen Autokorsos in Richtung Römer war. Dort brachen mit abertausenden Fans alle Dämme. „Ich muss schon zugeben, dass ich wenig geschlafen und viel getrunken habe.“ Aber das sei nach diesem geschichtsträchtigen Erfolg ja auch vollkommen legitim.

Punktlandung bei Eintracht-Linksaußen Jesper Lindstrøm

Wer sich als Feierbiest besonders hervorgetan hat, mag er nicht verraten. Sagt aber, „dass gerade die Party in Sevilla für mich nicht super exzessiv wurde, weil ich wusste, dass der nächste Tag inklusive Römerbesuch noch hart und lang genug werden würde.“

Fanliebling Martin Hinteregger war der, den Mazeczek und seine Kollegen nicht mehr fit bekamen. Er hatte sich im Halbfinale gegen West Ham nach wenigen Minuten eine Oberschenkelblessur zugezogen. Bei Linksaußen Jesper Lindstrøm hatten Mazeczek und Co. jedoch ganze Arbeit verrichtet und ihn zum Endspiel hergerichtet. „Das war eine Punktlandung“, strahlt er und sagt: „Die beste Rückmeldung für uns ist, wenn es kaum Verletzte gibt. Und da sind wir in der abgelaufenen Saison wirklich gut durchgekommen.“

Das entscheidende Tor von Borré war der Höhepunkt und die Tage danach waren gefühlsmäßig konstant auf diesem unglaublichen Level.

Niklas Mazeczek

Eine lange Saison. Mazeczek geht dem gleichen Arbeitsrhythmus wie die Profis nach. In der Regel hat er eine Sechs-Tages-Woche zu bewältigen. Die Verschnaufpausen genießt er mit seiner Familie – und dann wird nicht über Fußball geredet, „weil meine Frau da nichts mit anfangen kann. Und das ist zum Abschalten sehr gut für mich“, erklärt er und spricht von großer Dankbarkeit gegenüber seiner Familie.

Niklas Mazeczek grüßt vom Römerbalkon, dort ließen sich die Euro-Helden der Eintracht feiern.

Dass nun die Champions League lockt, findet Mazeczek noch immer surreal. „Diese Hymne haben wir uns im Team in den letzten Tagen immer wieder angehört. Dass sie jetzt in unserem Stadion erklingen wird, ist für mich kaum vorstellbar. Aber bald ist es so weit. Und vorher spielen wir ja sogar noch das Supercup-Finale in Helsinki.“ Entweder gegen Real Madrid oder den FC Liverpool. Das entscheidet sich heute Abend.

Im Teamhotel in Sevilla waren wir total abgeschottet. Die Stimmung war völlig gelöst. Mir war vorher klar, dass wir den Pokal holen werden.

Niklas Mazeczek

Allein dran ist zu erkennen, wie sehr Eintracht Frankfurt an Reputation gewonnen hat. Ohne die Fans sei dies nicht möglich, sagt Mazeczek. Doch das Erfolgsrezept, verrät er, sei noch vielschichtiger: „Wir spielen diesen unfassbar kampfbetonten Fußball. Und der funktioniert nur, wenn du ein echtes Team bist. Das sind wir. Alle. Die Wertschätzung ist riesig und niemand, wirklich niemand der Spieler hat Allüren.“ Und dann zeigt er als Beispiel eine an die Physios gerichtete Danke-Whats-App von Keeper Kevin Trapp. Einer der Helden. Ein langer, emotionaler Text, versehen mit vielen roten Herzen. Da geht Niklas Mazeczek selbiges auf und die Stimme wird wieder ein wenig brüchig.

Zur Person

Niklas Mazeczek kommt gebürtig aus Schlüchtern und entstammt einer Tennisfamilie. Als Physiotherapeut heuerte er zunächst bei Kickers Offenbach an, absolvierte währenddessen die Ausbildung zum Osteopathen und wechselte 2020 auf die andere Mainseite zu Eintracht Frankfurt. Mazecek wohnt aktuell in Bad Soden-Salmünster, zieht aber alsbald zurück nach Schlüchtern. Der 35-Jährige ist mit Georgia verheiratet und Vater von einem fünfjährigen Sohn und einer vier Monate alten Tochter.

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