KN-Redakteur Sascha Behnsen.
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KN-Redakteur Sascha Behnsen.

Ich habe für die Kickers gespielt

Gestern stand KN-Redakteur Sascha Behnsen als Beschuldigter vor dem Sportgericht – und wurde freigesprochen. Eigentlich hatte er sich freiwillig für das Verfahren gemeldet. Er selbst gibt Einblicke in ein aberwitziges Verfahren gegen ihn.

Gestern ist ein Kindheitstraum wahr geworden. Ich bin für meine Offenbacher Kickers aufgelaufen. Als Bub war ich Ritschel, Janzon, Hickersberger, Held, oder – weil in jungen Jahren schon mit Hang zur Extravaganz – Oleknavicius. Eine solche Wahl ließ die Kumpels, die Beckenbauer oder anderer Quatsch waren, ratlos zurück, sie half mir auf dem Bolzplatz allerdings auch nicht weiter.

Nun habe ich gestern nicht in der ersten Mannschaft des OFC debütiert, nicht einmal bin ich für unsere Traditionself, die Waldis, aufgelaufen, und auch nicht für eine Auswahl auf dem Bieberer Berg akkreditierter Journalisten, die ihrer Gründung noch harrt. Mein Tätigkeitsfeld beschränkte sich gestern auf die Rolle als Beschuldigter vor dem Regionalsportgericht. Dort kann nur angeklagt werden, wer Mitglied in einem hessischen Fußballverein ist, und das sind in meinem Fall nunmal die Kickers.

Ich habe überlegt, was ich vor Gericht tragen soll. Trikots habe ich genug, die sind aber aus Polyester, da müffelt man recht schnell, erst recht bei dieser Hitze, und natürlich ist es besser müffelnd freigesprochen zu werden als müffelnd verknackt zu werden, aber müffeln ist insgesamt nicht gut. Ich wähle ein weißes T-Shirt mit rotem Bundkragen, darüber, aufgeknöpft, ein rotweißes Hemd im Landhausstil der Firma Schöffel. Rot und Weiß sind unsere Farben. Aufgefallen ist das leider niemandem ...

Natürlich bin ich freigesprochen worden. Der Vorwurf lautete auf sportwidriges Verhalten im Verlauf eines Fußballspiels in Freiensteinau, weiland im Oktober 2020. Ich soll einen Schiedsrichterrassistenten derart penetrant behelligt haben, dass er mich des Innenraums verweisen musste. So sehr das Sportgericht auch bohrt und hakt und fragt und, so mein mit zunehmender Verhandlungsdauer doch sehr dringender Eindruck, nachgerade wünscht, die Vorwürfe mögen zutreffen: Keiner hat mich im Innenraum und bei der Ausübung unziemlicher Handlungen gesehen; schnell wird klar, es liegt eine Verwechslung vor. Zwei Pressevertreter waren vor Ort, einer zwo Meter groß , übergewichtig und mit exzellentem Benehmen, moi, einer klein mit weißem Vollbart. Zugegeben: nicht leicht auseinanderzuhalten.

Charakter, Verlauf, Seriosität, Rechtschaffenheit, Professionalität und Würde dieser Verhandlung zu beschreiben, zu bewerten, zu analysieren, das würde den Rahmen sprengen. Nur so viel: Mein Zutrauen in die Sportgerichtsbarkeit des Hessischen Fußball-Verbandes ist nicht größer geworden – und dies nicht einmal wegen der Besonderheit, einen festangestellten Pressevertreter anzuklagen, der besagtes Fußballspiel in Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit besucht hat.

Seriosität des Produkts Tageszeitung infrage gestellt

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Das Sportgericht hat das seltene Glück, auf zwei neutrale Zeugen für das mutmaßliche Fehlverhalten eines Schiedsrichterassistenten zurückgreifen zu können, auf zwei Journalisten. Und was geschieht? Den einen Zeugen, der sich auch noch freiwillig als solcher anbot und der, wenn schon nicht mit dem HFV-Fairness-Preis, so doch wenigstens mit einer lobenden Würdigung für sein Eintreten für adäquates Sozialverhalten gerechnet hat, meine Wenigkeit also, den macht das Sportgericht zum Beschuldigten. Und auch den anderen neutralen Zeugen befragt das Sportgericht nicht etwa zum schäbigen Verhalten des Schiedsrichterassistenten. Es hat ihn alleine vorgeladen, um gegen den zu Unrecht beschuldigten Journalistenkollegen auszusagen. Dass alle an mich adressierten Vorwürfe eigentlich denjenigen meinen, den das Sportgericht als Zeugen gegen mich lud, interessiert keinen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich bin zu unrecht beschuldigt und ergo freigesprochen worden. Das freilich war kein Anlass für Horst Holl, den Vorsitzenden des Regionalsportgerichts Fulda, sich bei mir zu entschuldigen: für eine falsche Anklage, die geeignet gewesen ist, mich bei meinem Arbeitgeber zu diskreditieren, die meine Seriosität als Journalist und damit auch die Seriosität unseres Produkts Tageszeitung infrage stellt und die mich nicht zuletzt in ein Zwielicht rückt bei den vom Sportgericht informierten Offenbacher Kickers , auf deren Wohlwollen ich angewiesen bin, wenn in Kürze die Saisonakkreditierungen verteilt werden.

Immerhin: Der Schiri-Assistent wurde verknackt und gesperrt, und das ist auch gut so. Allerdings wurde er bestraft für etwas, das er nicht getan hat. Das hätte ich bezeugen können, man hätte mich halt fragen müssen. Denn: Der Schiedsrichterassistent hat zum Freiensteinauer Spielführer NICHT gesagt, er sei ein Idiot. Dass der Kapitän das sogar selbst glaubt, ist sicher kein böser Wille, sondern eher eine durch wiederholte Suggestion entstandene Pseudobestätigung einer falschen Ausgangshypothese. Ein Phänomen, dass häufig beschrieben wurde und schon zu so manchem Fehlurteil auch und gerade vor ordentlichen Gerichten geführt hat.

Für mich bleibt: Ich habe für die Kickers „gespielt“ und ich habe für sie gewonnen. Wer um die Historie meines Vereins weiß: Siege des OFC vor einem Sportgericht sind rar gesät. Ich kann stolz auf mich sein.

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