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Sinning und Viktora fehlt die Lust auf Ränkespiele

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Silke Sinning und Ralf Viktora wollen im "Team Peters" für Inhalte stehen. Fotos: Jan Hübner
Silke Sinning und Ralf Viktora wollen im "Team Peters" für Inhalte stehen. © Jan Hübner

Silke Sinning und Ralf Viktora stehen im Blickpunkt: Die beiden Präsidiumsmitglieder des HFV streben hochrangige Ämter im DFB an. Erstmals gibt es am 11. März eine Kampfkandidatur um das Amt des DFB-Präsidenten. Bernd Neuendorf und Peter Peters treten in Bonn gegeneinander an. Während Neuendorf ein unbeschriebenes Blatt ist und ein Großteil des Amateurlagers inklusive des Hessischen FußballVerbandes (HFV) hinter sich wähnt, ist Peters nicht zuletzt durch seine 26-jährige Vorstandsschaft bei Schalke 04 bekannt.

Peters hat sich mit Silke Sinning und Ralf Viktora zwei Präsidiumsmitglieder des HFV in sein Dreierteam geholt, was in den vergangenen Tagen zum beherrschenden Thema im Wahlkampf wurde, da der HFV in einer internen Mail Sinning und Viktora zu einer Entscheidung drängen wollte: HFV-Ämter oder Team Peters, aber nicht beides. Sinning und Viktora reagierten darauf nicht. Sie können nur durch einen außerordentlichen Verbandstag abgewählt werden. Im Interview beziehen Sinning und Viktora Stellung zu Interessenkonflikten, Meinungsbildung und ihrer Agenda.

HFV-Präsidiumsmitglied Gerd Schugard hob jüngst im Interview mit dieser Zeitung den Zeigefinger, und kritisierte, dass Sie bei der Nominierung im Süddeutschen Fußball-Verband nicht gegen Rainer Koch und Ronny Zimmermann gestimmt hätten, sondern sich enthielten.

Viktora: Silke und ich positionieren uns gar nicht gegen die beiden. Wir wurden in Interviews gefragt, ob wir in Zukunft Rainer Koch in einer führenden Rolle im DFB sehen. Das haben wir beide unserer eigenen Überzeugung entsprechend begründet verneint.

Sinning: Natürlich ist eine Enthaltung eine Position, wobei aus unserer Sicht der Fokus auf der Frage liegen sollte, warum man sich für eine abgegebene Stimme bei einer offenen Abstimmung überhaupt intern oder extern erklären muss. Abstimmende sind in demokratischen Strukturen, die Meinungsfreiheit als Wert für sich in Anspruch nehmen, ihrer eigenen Überzeugung und Meinung verpflichtet.

Schugard deutet im Interview an, dass sie nicht Opfer, sondern das Gegenteil dessen seien. Haben Sie sich nach der Ultimatumsmail als Opfer verstanden und sich erpresst gefühlt? Oder gar Verständnis für den HFV besessen?

Viktora: Weder Silke Sinning noch ich sehen uns als Opfer und haben uns in keinster Weise so dargestellt. Vielmehr haben wir Respekt vor so engagierten Funktionären wie Gerd Schugard, die seit Jahren unheimlich viel für das hessische Schiedsrichterwesen geleistet haben.

Aber wird man im Ehrenamt von eigenen Mitstreitern vor die Wahl „entweder-oder“ gestellt, macht man sich selbstverständlich seine Gedanken. Spricht mit Freunden und Familie und setzt sich damit auseinander. Wir haben in diesem Moment gemeinsam überlegt, ob wir den eingeschlagenen Weg fortsetzen sollen und uns dafür entschieden. Wir sind ja nicht so abgebrüht, dass uns das kalt lässt – im Gegenteil.

Und dennoch haben wir Verständnis für die Rolle des HFV: Wir beide stehen aufgrund unserer Arbeit für den HFV in der Vergangenheit nicht unter dem Verdacht, dem HFV schaden zu wollen. Ich habe Ende letzten Jahres in einer Mail dem Präsidium eröffnet, dass ich das Team Peter Peters unterstütze, und für den Fall meiner Nominierung als DFB-Schatzmeister kandidieren würde.

Ich habe um Unterstützung und kurzfristig um eine Videokonferenz gebeten, um mich zu erklären und meine Beweggründe darzulegen. Diesem Wunsch wurde aus verschiedenen Gründen nicht entsprochen. Das habe ich zur Kenntnis genommen.

Meine Vorstellung war: Warum kann man nicht öffentlich über die Konzepte der Präsidentschaftskandidaten reden? Warum lassen wir in einer Demokratie nicht verschiedene Positionen zu? Das Leitbild des HFV lässt das eigentlich zu. Bis heute gibt es keinen finalen Beschluss, welchen Kandidaten der HFV unterstützt. Warum auch? Die Delegierten fahren zum DFB-Bundestag und stimmen ab.

Sie haben die Erklärungsfrist verstreichen lassen. Findet derzeit ein Austausch mit den HFV-Gremien statt?

Sinning: Wir haben keine Veranlassung gesehen, uns hierzu zu äußern. Ein Austausch findet per Rund-Mail statt, persönlich nicht. Für den 12. Februar ist schon seit Monaten eine Verbandsvorstandssitzung geplant, in der sich beide Präsidentschaftskandidaten vorstellen können.

Könnte es dann zu einem Schulterschluss zwischen HFV und Ihnen kommen?

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Viktora: Wir wissen gar nicht, ob es zu einem Schulterschluss kommen muss: Wir haben den Auftrag seitens des Verbandstags, konstruktiv und im Sinne des Verbandes zusammenzuarbeiten. Diesen Auftrag nehmen Silke Sinning und ich sehr ernst. Unser Präsident Stefan Reuß hat intern zu Ruhe und Gelassenheit aufgerufen. Diesem Aufruf kommen wir nach. Wir werben lediglich für eine andere Zukunft des DFB und nehmen für uns in Anspruch, unsere Meinung zu sagen. Natürlich gibt es Präsidiumskollegen, die unsere Position nicht teilen, was völlig legitim ist.

Ist es nicht ein demokratischer Prozess, dass erst während des Wahlkampfes ein Meinungsbild gewonnen wird, das sich sogar wandeln kann? Derzeit gewinnt man den Eindruck, dass schon weit vor der Wahl eine Entscheidung getroffen sein soll.

Sinning: Völlig richtig! Genau das hinterfragen wir. Deshalb möchten wir ja unser Konzept vorstellen, in Diskussion treten, Rückmeldungen und Ideen aufgreifen und die Fragen der Basis in den Prozess einbinden. Die Delegierten sollen sich ein eigenes Bild machen und entscheiden, welcher Kandidat beziehungsweise welches Team die Interessen eines einheitlichen DFB besser vertreten und umsetzen kann.

Haben Sie das Gefühl, dass es im ganzen Wahlkampf-Prozess nur um Abhängigkeiten zu bestimmten Personen und Institutionen geht? Präsident Reuß sprach aufgrund ihrer Entscheidung pro Team Peters von einer Isolation des HFV gegenüber anderer Verbände.

Sinning: Diesen Eindruck gewinnt man schnell, wenn man sich etwas intensiver mit dem Thema beschäftigt. Bei der Wahl geht es um die Zukunft des DFB. Es geht darum, den DFB auf den Weg hin zu alter Stärke und Würde zu führen. Es geht nicht um Posten, die jemand hat, behalten oder besetzen will.

Wenn eine demokratische Diskussion und der offene Meinungsaustausch zu einer Isolation eines Landesverbandes im Regionalverband und dem Dachverband führen sollte, wäre das doch ein Skandal. Wir versuchen uns an der Stelle bewusst freizusprechen und immer wieder darauf zu verweisen, dass es uns um Themen und Inhalte geht und dass wir dafür gern kandidieren würden. Wir treten daher in erster Linie als Kandidaten für Themen an – und nicht als Gegenkandidat gegen bestimmte Personen.

Das Image des HFV und des DFB an der Basis ist schlecht. Stimmen Sie zu?

Sinning: Genau dieses Image muss verbessert werden. Unserer Meinung nach geht das nur mit ergebnisoffenen Diskussionen, mit Transparenz und Mitbestimmung.

Die beiden Bereiche HFV und DFB muss man aber bewusst auseinanderhalten: Wir sind als Präsidium beim Verbandstag gemeinsam angetreten und wiedergewählt worden. Daher scheint die Basis mit unserer Arbeit grundsätzlich zufrieden gewesen zu sein. Aber natürlich wissen wir, dass die gesellschaftliche Situation uns viel abverlangt und wir uns auf Veränderungen frühzeitig und vor allem flexibel einstellen müssen.

Beim DFB hingegen sorgte die Trennung von vier Präsidenten und der Umgang mit verschiedenen Themen für viel Trubel. Die Basis ist scheinbar enttäuscht, weil sie die Entscheidungen nicht nachvollziehen können, weil viele Argumentationslinien intransparent erscheinen und weil die Diskussion um Positionen statt um die Problemlösung von Themen für sie nicht zielführend sind.

Was für die Basis neben einer erfolgreichen Nationalmannschaft wichtig erscheint, ist Transparenz, um Glaubwürdigkeit herzustellen. Fehlt da in mancherlei Hinsicht das Verständnis der Verbände, dass sie sich für ihre Millionen Mitglieder engagieren sollen? Stichwort: Selbstbedienungsladen DFB.

Viktora: Hier muss in jedem Fall ein Umdenken stattfinden. Dass der DFB eben kein Selbstbedienungsladen ist, möchten wir mit unserem Antritt im Team Peters sicherstellen. Das ist eine wichtige Vorleistung, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Die Antwort zuvor verweist genau darauf, dass die Glaubwürdigkeit nicht mehr da ist, beziehungsweise verspielt wurde. Deshalb ist uns Transparenz wichtig. Dazu gehört selbstverständlich, dass Veränderungen dort angestoßen werden müssen, wo wir Probleme identifizieren. Mit den jeweiligen Experten müssen dann gemeinsam neue, bessere Lösungswege gefunden und umgesetzt werden. Natürlich müssen dann gelebte Absprachen mal über Bord geworfen werden. Aber wenn es dem DFB als Einheit hilft, werden sich sicherlich alle verantwortlichen Personen daran beteiligen.

Die Wertediskussion in der Gesellschaft ist beherrschendes Thema. Große Konzerne wie Adidas oder Volkswagen sponsern den DFB. Droht eine Abwendung, wenn es immer nur ein „weiter so“ gibt und ist es nicht überfällig, viel mehr Augenmerk auf Diversität und Nachhaltigkeit zu richten?

Viktora: Wir hoffen natürlich, dass alle Partner dem DFB erhalten bleiben oder sich gerade durch eine Imageverbesserung die Zusammenarbeit sogar intensiviert. Aber Sie sprechen das Thema Diversität und Nachhaltigkeit selbst an. Für Silke Sinning stehen Fragen rund um das Thema Nachhaltigkeit in der Gesellschaft hoch im Kurs.

Frau Sinning, was beschäftigt Sie hier am meisten?

Sinning: Wir haben einen Generationenvertrag zu erfüllen, wollen also unsere Fußballkultur an unsere Jugend so weitergeben, dass sie diese in ihrem Sinne wieder entwickeln können. Wir müssen also Strukturen schaffen, die dies ermöglichen. Dazu gehört, dass wir in ökologischen, ökonomischen und sozialen Fragen Antworten finden, die nachhaltig wirken.

Wie stellt sich der DFB beispielsweise in Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit auf? Die Bundesligisten müssen bei der jährlichen Lizenzierung schon den Nachweis erbringen, wo sie nachhaltig arbeiten. Wir kennen kleine Vereine wie den FC Internationale Berlin, die sich das Thema auf die Fahne geschrieben haben und in ihrem Rahmen schon dokumentieren, was sie vor Ort in Fragen zur Nachhaltigkeit umsetzen.

Wenn man hier genau hinschaut und das Thema Sponsoring noch einmal aufgreift, dann werden sich auf vielen Ebenen ganz neue Partner ergeben, die das Bild des DFB vielfältig und diverser gestalten können. Da – das war der Querverweis zur Diversität – sollten wir einen Akzent setzen.

Sitchwort Frauenquote?

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Sinning: Wir verstehen Diversität nicht nur als ein Thema beziehungsweise eine Frage, ob es eine Frauenquote geben sollte. Das ist sicherlich ein viel diskutiertes Thema. Aber wenn wir uns bei der Diversität auf den Fokus Personengruppen beziehen, müssen wir ebenso diskutieren, ob wir eine Quote für junge Menschen oder für Personen mit anderem kulturellen Hintergrund benötigen oder ob eine Quote gesetzt werden müsste, die ältere Menschen berücksichtigt. Das sind schließlich genauso wichtige Mitglieder.

Selbstverständlich muss man dies diskutieren und Lösungen finden. Fachlich ist in jedem Fall bewiesen, dass Gremien, die divers besetzt sind, natürlich unterschiedliche Perspektiven einbringen, sich dadurch in der Regel eine offenere andere Diskussionskultur entwickelt und Fragen im Sinne vielfältiger Personengruppen besser beantwortet werden können.

Immer wieder wird über Geldverdienen im Ehrenamt diskutiert. Nun gibt es Strömungen, den unabhängigen Vergütungsausschuss schon wieder abzuschaffen. Soll einfach niemand wissen, was ein Ehrenämtler im DFB verdient?

Viktora: Ich kann diese Diskussion überhaupt nicht verstehen. Im Bundesanzeiger kann nachgelesen werden, was der Bundeskanzler verdient. Und ähnliches sollte für Funktionäre in höhergestellten Positionen gelten. Es muss das höchste Gut des DFB sein, dass er den Status als gemeinnützige Organisation behält – und dies funktioniert meiner Meinung nach nur mit maximaler Transparenz. Außerdem muss eine satzungsgemäße Verwendung der Mittel sichergestellt sein.

Auch hier müssen wir schleunigst bei der Basis durch Taten Überzeugungsarbeit leisten, damit Glaubwürdigkeit zurückkehrt. Die Wortschöpfung „Selbstbedienungsladen DFB“ kommt nicht von ungefähr. Es muss transparent sein, wer für welche Aufgaben wie vergütet wird und Maximalbeträge festgelegt werden.

Denn es bleibt unstrittig, dass der DFB dafür Sorge zu tragen hat, dass Geld an der Basis ankommt. Dass, nicht wie jüngst, aus Ermangelung an Mitteln Sichtungsturniere abgesagt werden müssen.

Ralf Viktora:

Ralf Viktora (*1971 in Haiger) ist Finanzprofi: Der gelernte Bankkaufmann ist Prokurist einer Unternehmensberatung und seit 2016 Schatzmeister des HFV. Als Schiedsrichter machte er Karriere und stand elf Jahre auf der DFB-Liste. Unter Peter Peters soll er Schatzmeister des DFB werden. Der Schatzmeister wird unabhängig gewählt. Wen Peters’ Gegenkandidat Bernd Neuendorf als Schatzmeister gewinnen will, ist noch nicht bekannt

Silke Sinning:

Silke Sinning (*1969 in Rotenburg an der Fulda) ist Sportpädagogin: Seit 2010 lehrt sie an der Universität Koblenz-Landau Sportpädagogik/ -didaktik und Sportsoziologie. Sie ist seit 2008 Vorsitzende des Frauen- und Mädchenfußballausschusses des HFV und seit 2012 Mitglied des Ausschusses für Frauen- und Mädchenfußball im DFB. Sinning soll Vizepräsidentin unter Peters werden. Die Satzung des DFB ist an dieser Stelle hochkompliziert. Es gibt gleich mehrere Möglichkeiten, wie sie eines der Vizeämter einnehmen kann – sicher ist keine, ihr Risiko hoch.

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