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Rückkehrer der Eintracht berichten von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ in Marseille

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Ausschreitungen
Die Blöcke der Ultras der Eintracht (l) und von Marseille beschießen sich mit Feuerwerk. Es waren verstörende Bilder am Dienstagabend in Frankreichs Süden. © Sebastian Gollnow/dpa

An dieser Stelle wagt Christopher Schaus in unregelmäßigen Abständen den „Adlerblick“ – immer kritisch, immer aus der Vereinsbrille. Schaus ist Fan von Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt und blickt diesmal für torgranate.de auf den Irrsinn „Marseille“ in der Champions League, über Fankultur und wagt einen Blick auf das Spiel beim VfB Stuttgart.

Eigentlich wollte ich mit acht anderen Fans in einem Neunerbus von unserem Fuldaer Eintracht-Fanshop aus nach Marseille fahren, musste aber kurzfristig darauf verzichten und vor allem meine Familie ist im Nachhinein gar nicht unglücklich darüber. Wenn ich sehe, dass ein Eintracht-Fan, der mit Frau und Kind im Stadion war, jetzt schwerverletzt in einem Marseiller Krankenhaus liegt, dann denke ich: wie will man das seinen eigenen Kindern erklären. Meine Arbeitskollegen und Freunde vor Ort haben mir von bürgerkriegsähnlichen Zuständen vor, während und nach dem Spiel berichtet.

Bürgerkriegsähnliche Zustände? Schaus nimmt Eintracht-Fans in Schutz

Ich bin in erster Linie einfach froh, dass unser Bus, der mit Eintracht-Adler beklebt ist, inklusive aller Insassen am Mittwochnachmittag unbeschadet zurückgekommen ist. Ich stand fast permanent mit den Kollegen in Austausch, habe ihnen geraten, immer zusammenzubleiben und Schutz zu suchen, wenn Raketen in Richtung des Eintracht-Blocks fliegen. Was in Marseille passiert ist, ist für den Fußball eine absolute Katastrophe. Und das Schlimme ist, dass genau das Szenario eingetreten ist, was zu erwarten war. In Marseille wurden die Eintracht-Fans zu Freiwild. Auf die Busse wurde mit Backsteinen geworfen, Autos aufgebrochen, permanent provoziert.

In Bordeaux 2013 war das ähnlich, da gab es genauso Bambule. Die sogenannte deutsch-französische Freundschaft ist im Fußball leider nicht vorhanden. Und ich frage mich, warum das die französische Polizei nicht in den Griff bekommt – oder bekommen will. Die Deutschen werden dort einfach schikaniert. Dass es im Stadion zu Gegenreaktionen von einigen unserer Fans kam, ist bei solchen Provokationen in gewisser Weise verständlich. Es ist völlig absurd, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Frankfurter Fans an den Pranger gestellt werden, nun beispielsweise ein Video mit vermeintlichem Hitlergruß die Runde macht und Eintracht-Fans per se Tendenzen nach rechts unterstellt werden.

Der Mann mit dem Adlerblick:

Christopher Schaus (42) ist geschäftsführender Gesellschafter des Fuldaer Unternehmens WEMAG GmbH und Co. KG. Er betreibt seit 2013 den Eintracht-Fanshop in den Räumlichkeiten der WEMAG in der Heidelsteinstraße. Schaus ist zeitlebens eingefleischter Eintracht-Fan und hat die großen Triumphe der letzten Jahre hautnah miterlebt.

Die Fans und insbesondere die Ultras als aktive Szene sind nicht dafür bekannt, dass sie irgendwohin reisen, um Stress zu suchen. Nicht umsonst ist das Verhältnis zwischen Vereinsführung und Ultragruppierung auch so nahe – und das ist gut und wichtig. Für viele ist dieser Verein die einzige Religion. Die Ultras ermöglichen unfassbare Choreografien, sind für diese wahnsinnige Stimmung zuständig. Sie sammeln oft für karitative Zwecke Geld und stehen für Toleranz. In der gesamten vergangenen Europapokal-Saison ist es nicht zu solch heftigen Ausschreitungen gekommen. Nun aber wieder in Frankreich. Das ist kein Zufall.

Wahrscheinlich wird die UEFA nun auch Eintracht Frankfurt bestrafen, weil in solchen Situationen viel über einen Kamm geschert wird. Es wäre hilfreich, die Vorfälle genau aufzuarbeiten. Von wem die Aggressionen ausgingen, was vor und nach dem Spiel auf den Straßen passiert ist, wer für die ganzen Böller gerade in der zweiten Halbzeit verantwortlich war. Das waren nicht die Fans von Eintracht Frankfurt. Da standen Menschen im Block, die einfach einen gigantischen Fußballabend erleben wollten, aber Angst haben mussten. Weil sie Freiwild waren.

Was aber passte: Das Ergebnis! Die Eintracht hat erstmals ein Champions League-Spiel gewonnen. Die taktische Umstellung zur Dreierkette war genau richtig, der Sieg verdient und ist fast zu knapp ausgefallen. Was Mokoto Hasebe mit seinen 38 Jahren gespielt hat, ist einfach geil. Das Ergebnis muss der Eintracht jetzt Rückenwind geben für das Spiel in Stuttgart geben. Wenn wir da vor der Länderspielpause nachlegen, sind wir in der Saison endgültig angekommen – und das halte ich für möglich und realistisch.

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