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Mindestens Gänsehaut, maximal Tränen und ganz viel Pathos

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Von: Johannes Götze

Choreografie der Fans von Eintracht Frankfurt gegen Sporting Lissabon vor Spielbeginn. Gänsehautfaktor und viel Pathos inklusive.
Choreografie der Fans von Eintracht Frankfurt gegen Sporting Lissabon vor Spielbeginn. Gänsehautfaktor und viel Pathos inklusive. © Johannes Götze

Wie viel Pathos darf erlaubt sein? Im Fußball? Na, jede Menge – findet zumindest unser Autor Johannes Götze, der sich den ersten Champions League-Auftritt von Eintracht Frankfurt gönnen durfte. Zwar schmerzte die 0:3-Niederlage gegen Sporting – doch es bleibt so viel mehr von diesem Tage hängen.

Das erste Mal Champions League? Na ja, das ist ja in diesem Zusammenhang eine Halbwahrheit, schließlich spielte die SGE anno 1960 als amtierender Meister schon einmal ganz groß auf. Weiland – die Fernseher flimmerten noch in schwarz-weiß, der ewige Charly Körbel war fünf Jahre jung und Auswechslungen im Fußball noch nicht einmal erlaubt – erreichte die Eintracht nach der bislang einzigen deutschen Meisterschaft sensationell das Finale im Europapokal der Landesmeister. Die Helden von einst unterlagen den Königlichen von Real Madrid mit 3:7. Gefeiert werden sie noch heute. Im Eintracht-Museum zum Beispiel. Oder vor dem Spiel gegen Sporting. 

Eintracht Frankfurt in der Champions League: Viel Pathos, viel stolz

Die Champions League mit all ihr innewohnendem Kommerz, mit all ihrer Anziehungskraft und mit all ihrer bisweilen perfekt anmutender fußballerischen Eleganz geht hingegen erst in ihre 31. Saison. Erstmals mit Eintracht Frankfurt. Schon mehr als drei Stunden vor Anpfiff war der riesige Waldparkplatz so gut wie voll. Fast niemand hatte kein Eintracht-Trikot an. Das Strahlen in den Gesichtern glich feierlichem Ergriffensein. Pathos eben. 

Schon der mittlerweile obligatorische Trailer, den die Eintracht in ihren sozialen Medien vor den Europapokal-Highlights teilt, verriet, unter welchem Motto die Champions League-Saison stehen wird: Die Eintracht unterlegte den Trailer mit den Klängen von Boscas neuer Single „Rauf zu den Sternen“. Bosca? Ein weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannter Rapper, der in der Nordwestkurve zu Hause ist. Mit der Crew Ultrakaos drei Mixtapes veröffentlicht hat. Die Eintracht bleibt sich treu. Auch in der Champions League. 

Seid am Spielende so platt wie unsere Mannschaft.

Aufruf der Ultras an die Fans

Und da passte eine Szene hervorragend ins Bild: Sebastian Rode, verletzter Kapitän, führte die Mannschaft zum Aufwärmen aus den Katakomben. Stilecht mit Europapokal in der Hand – zu den Klängen von Haftbefehls Song „069“. Aus Frankfurt, für Frankfurt. Die Eintracht bleibt sich treu. Auch die Ultras, die eine phänomenale Choreografie auf die Beine stellten und in einem Aushang das Motto für die kommenden 90 Minuten vorgaben: „Seid am Spielende so platt wie unsere Mannschaft“. Und es leuchtete nicht. Keine bengalischen Feuer. Ein drohendes Geisterspiel? Vorerst abgewandt. Sehr löblich. 

Dann war es so weit: Um 18.42 Uhr erklang erstmals diese mystische Champions League-Hymne im Stadtwald. Mindestens Gänsehaut, maximal Tränen und ganz viel stolz. Den Gesichtern der mehr als 50.000 Zuschauern im Waldstadion war die pure Freude anzusehen. Ab jetzt wurde es ohrenbetäubend laut: Als Kolo Muani die erste Großchance vergab (2.), als Götze das erste Mal zauberte (7.), als der Video-Schiedsrichter endlich mal auf Seiten der Eintracht war. Ist ja keine Bundesliga, ist ja Champions League – mag der ein oder andere gedacht haben (13.). 

Ein historischer Tag für Eintracht Frankfurt.

Stadionsprecher in Dreieich

Die Eintracht hätte zur Pause führen müssen. Die Offensive um Kolo Muani, Lindstøm, Götze und Kamada funktionierte. Nur der allerletzte Punch fehlte noch. Und noch besser funktionierte die Defensive. Nur einmal musste Trapp eingreifen (35.). Der so hochgelobte 19-malige portugiesische Meister tat sich schwer. Mit der Kulisse. Mit dem Druck der Frankfurter. Mit allem. Das war schon Champions League-like.

Die zweite Halbzeit war es leider nicht: Den Chancenwucher in Durchgang eins strafte Sporting gnadenlos mit dem Knock-out binnen 100 Sekunden: Erst Edwards (65.) und dann Trincâo (67.) ließen das Auditorium im Waldstadion einen Moment lang verstummen. Die Eintracht fand keinen Weg zurück ins Spiel. Nach der Sensationssaison in der Europa League ohne Niederlage ein komisches Gefühl. Gefeiert wurde die Mannschaft trotzdem. Dann halt nächste Woche in Marseille zuschlagen.

Aber der Tag begann schon viel früher: Die Eintracht spielte zweimal gegen Sporting, denn die U19 debütierte in der UEFA Youth League. Selbst mittags um 12 Uhr fanden sich 1100 Zuschauer im Sportpark Dreieich ein. Fast die ganze Führungscrew der Eintracht ließ sich das 1:1 nicht entgehen. „Ein historischer Tag für Eintracht Frankfurt“, sagte der Stadionsprecher da zur Begrüßung. Jeder pflichtete ihm bei. Mit leidenschaftlich-bewegtem Gesichtsausdruck. Pathos eben. Oder eine Sternstunde. Auch ohne Sieg.

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