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„Krieg ist Horror“: Aus Kiews Luftschutzbunker in die Rhön

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Von: Tobias Konrad

Andrej Kolischenko Familie
Ein Bild aus besseren Tagen und einem friedlichen Familienausflug in der Ukraine. Längst ist für Andrej Kolischenko und seine Familie alles anders. © privat

Der Krieg in der Ukraine. Seit einigen Monaten erreichen uns täglich Schreckensbilder. Kennen die meisten Deutschen die Bilder nur aus dem Fernsehen, war Andrej Kolischenko mittendrin. Mit seiner Frau und den drei Kindern ergriff er schließlich die Flucht.

„Die Menschen sind sehr besorgt und leiden. Es gibt viele tote Zivilisten. Krieg ist Horror.“ Worte, die bis in Mark gehen, äußert Kolischenko. Der 36-Jährige hat den Krieg hautnah miterlebt. Nun ist er samt Familie in Hilders heimisch geworden. Er und seine Liebsten fühlen sich in Sicherheit, vor allem an seine Kinder denkt er dabei. Zehn, drei und eineinhalb Jahre sind diese. „Als Zehnjähriger verstehst du alles, unseren jüngsten Kindern berichten wir noch nichts von den Geschehnissen“, sagt Kolischenko. Was sie alle eint, ist das Fehlen der Großeltern. „Sie leben in Luhansk, erleben die Geschehnisse tagtäglich. Allerdings sind sie schon über 60 und wollen ihre Heimat nicht verlassen“, erklärt der neue Spieler der SG Hilders/Simmershausen. 

Andrej Kolischenko
Andrej Kolischenko in Aktion. © privat

Für die Kolischenkos begann der Schrecken, wie für allen anderen Ukrainer auch, am 24. Februar. Russland griff das Nachbarland an, nur einen Tag später bombardierten Flugzeuge die Hauptstadt Kiew. Dort wohnte die Familie, umgehend musste sie die eigenen vier Wände verlassen. Ein Luftschutzbunker war fortan für vier Tage Rückzugsort. Am 1. März gelang schließlich unter Beschuss im Auto die Flucht in den westlichen Teil der Ukraine. Für einen Monat verweilte die Familie dort, ehe Hilfe aus Deutschland angeboten wurde. In Hilders stellt Familie Obermann ihr Ferienhaus zur Verfügung, seit dem 11. April und nach 1700 Kilometern mit dem Auto haben die Kolischenkos eine neue Bleibe gefunden.

Zweite Flucht binnen acht Jahren

„Uns gefällt es sehr gut und wir wissen, dass wir großes Glück hatten. Familie Obermann hilft uns in allen Belangen, von bürokratischen Dingen bis hin zu sozialen Belangen“, erläutert der 36-Jährige. Bis 2024 erhielt die Familie vorerst eine Aufenthaltsgenehmigung. So lange werden die fünf Ukrainer mindestens verweilen. „Es wird sich zeigen, wie sich alles entwickelt. Wir sind Deutschland sehr dankbar, uns gefällt es sehr gut. Einziges Problem ist die Sprache“, äußert sich der Familienvater, der fleißig am pauken ist in Sachen Sprachkenntnisse. Dass die Kolischenkos von heute auf morgen die Flucht ergreifen, ist nicht das erste Mal. Bereits vor acht Jahren verließ die Familie ihre Heimatstadt Luhansk nach Anfeindungen in Richtung Kiew. „Dass ich allerdings irgendwann mein Heimatland einmal verlassen muss, hätte ich nie gedacht“, erläutert Kolischenko. 

Für die SG Hilders/Simmershausen ist der 36-Jährige ein Glücksgriff. „Er lebt für den Sport, ist sehr fit“, sagt Johannes Schafsteck, Pressesprecher der Spielgemeinschaft. Auf ihn kam Kolischenko nach seiner Ankunft zu. Der Ukrainer sah, wie die Mannschaft trainierte und bat Schafsteck, ob er denn mittrainieren dürfe. Fußballschuhe besaß er noch nicht, der Verein kümmerte sich kurzum. „Jetzt werde ich alles geben. Es ist ein freundliches Team, das mich herzlich begrüßte. Ich fühle mich sehr unterstützt“, erzählt der variabel einsetzbare Defensivspieler. In seiner Heimat hat er bereits für einige Vereine gespielt, zuletzt für Dynamo Otradny.

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