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„Leon Pomnitz hat das Zeug für die 2. Liga“

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Von: Ralph Kraus

Alfred Kaminski (Leiter des Leistungszentrum Kickers Offenbach)
Alfred Kaminski, ehemaliger Trainer der SG Barockstadt, ist seit drei Jahren Leiter des Nachwuchsleistungszentrums bei Kickers Offenbach. © Charlie Rolff

Alfred Kaminski leitet seit 2020 das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) von Kickers Offenbach. Vorher war der heute 58-Jährige erster Coach der SG Barockstadt. Wir sprachen mit dem ehemaligen Hamburger Zollfahnder über seine Zeit in Fulda und im Profifußball generell.

Sie sind seit viereinhalb Jahren kein Trainer mehr in Fulda und seit drei Jahren fest in Offenbach. Trotzdem wohnen Sie noch in Fulda und pendeln täglich. Warum?

In der Stadt habe ich mich von Anfang an sehr wohl gefühlt. Dann kam Corona dazwischen und niemand wusste während dieser Zeit, wie die Reise letztlich weitergeht. Deshalb hatte ich alle Umzugspläne wieder beiseitegelegt. Aber jetzt könnte es bald tatsächlich so kommen, dass ich umziehen werde.

Durch den Profifußball haben Sie eigentlich keine feste Heimat. Nervt das?

Im Norden habe ich immer noch meinen Wohnsitz. Dort leben meine Kinder und meine Familie. Aber ich fühle mich auch wirklich wohl dabei, Neues kennenzulernen. Für mich ist das keine Belastung, sondern etwas Positives.

Das Thema SG Barockstadt war für Sie schnell beendet. Was ist denn rückblickend schiefgelaufen in der Ehe Barockstadt/Kaminski?

Wir sollten nicht so weit zurückschauen. Man kann vielleicht sagen, dass ich mich bei Profimannschaften am wohlsten fühle.

Hätten Sie sich damals ein bisschen mehr Zeit, Analysen und Vertrauen gewünscht. Erwartet man überhaupt so etwas?

Man muss damit rechnen, dass sich Dinge im Verlauf eines Engagements verändern, der Verein eine andere Richtung einschlägt, und dass man unterschiedlicher Auffassung ist. Das ist in dem Fall nicht angenehm, aber das ist das Geschäft. Manchmal passen Trainer und Verein nicht zusammen. Das gehört zu diesem Job dazu, auch wenn man das nie haben möchte.

Alfred Kaminski über SG Barockstadt: Verein entwickelt sich noch weiter

Ist Ihnen das Projekt SG Barockstadt auch so ein bisschen unter falschen Vorzeichen schmackhaft gemacht worden?

Manchmal ist das im Fußball so, dass man über die gleichen Dinge redet, aber etwas völlig Unterschiedliches meint. Das ist kein Problem von Fulda, sondern das passiert einfach.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Mannschaft aus der Ferne?

Der Verein hat eine gute Personalpolitik betrieben. Die Mannschaft ist aus meiner Sicht in der Liga schnell angekommen, die Entwicklung ist sehr gut. Mit Wolf, Schaaf, Pomnitz, Rummel und Hillmann sind nur noch fünf Spieler dabei, die auch zu meiner Zeit schon dabei waren, aber den Rest kenne ich natürlich auch. Ich glaube, dass sich der Verein noch weiterentwickeln wird. Das erkennt man am Stadion, aber auch daran, wer sich in Fulda so alles ansiedelt. 

Was gefällt Ihnen am besten an der Mannschaft?

Es gibt zwei Spieler, die ich herausheben würde. Da ist Patrick Schaaf als Kapitän. Man merkt sofort, sobald er als Organisator und Stabilisator fehlt. Rein fußballerisch ist für mich Leon Pomnitz der überragende Mann. Der gehört eigentlich nicht in die Regionalliga. Das habe ich damals schon gesagt. Leon kann man fast nie völlig aus dem Spiel nehmen. Ich glaube, dass Leon sicherlich für Mannschaften, auf jeden Fall einschließlich dritte Liga, vielleicht sogar in der zweiten Liga, ein Kandidat wäre.

Ende Februar kommt es in Fulda zum Hessenpokalspiel gegen den OFC, im April steigt dann das Meisterschaftsspiel. Wenn Sie sich einen Sieg wünschen dürften – welches Spiel würden Sie sich heraussuchen?

Das Pokalspiel ist sehr wichtig. Einerseits, weil es am Anfang des neuen Jahres steht, aber auch, was die möglichen Einnahmen angeht.

In der Kreisoberliga muss unser Trainer mindestens eine Halbtagsstelle einnehmen und mindestens die A-Lizenz besitzen.

Alfred Kaminski

Sie sind Leiter des NLZ. Was beinhaltet genau ihr Aufgabengebiet und wo endet es?

Es ist eine Doppelfunktion. Einmal habe ich die Gesamtleitung des NLZ, dazu die sportliche Leitung. Im Bereich der sportlichen Leitung stehe ich immer mal auf dem Platz, absolviere mit einzelnen Mannschaften auch Trainingseinheiten. Ich bin für jeden der 70 Mitarbeiter zuständig. Davon sind 14 Kräfte fest angestellt. Ohne zu viel zu verraten, wir haben einen Etat – wenn man den Durchschnitt aller Senioren-Regionalligisten in Deutschland nimmt – der so irgendwo in der Mitte liegt.

DFB und DFL geben extrem viel vor, alles ist geregelt. Man benötigt einen Psychologen, einen Pädagogen, die Anzahl der Stunden ist vorgegeben, die Ausbildung aller Mitarbeiter – beispielsweise die Lizenzen – ist geregelt. Wir kennen ja alle den Mindestlohn und dementsprechend hat man hohe Personalkosten. Wir arbeiten an der Infrastruktur, haben Fördergelder für den Bau des Sport- und Bürogebäudes am Wiener Ring beantragt. Diese Gelder sind jetzt bewilligt worden, so dass die Gespräche mit den Architekten finalisiert wurden. Ich bin also auch für die Finanzen in meinem Bereich zuständig, muss mich innerhalb des Etats bewegen, der mir zur Verfügung gestellt wird. Dazu gehört für mich auch die Sponsorensuche zum Aufgabengebiet. Alles zusammen ist das also wie eine Geschäftsführung.

Durch die ganzen Vorgaben der DFL mit ihren Profi-Strukturen sind alle NLZ in der Regel im Personalbereich besser strukturiert, als die meisten Senioren-Regionalligisten und sogar manche Profiabteilung einzelner Drittligisten. Ein weiteres Beispiel: In unserer zweiten Mannschaft, die wir ja wieder neu in derKreisoberliga gemeldet haben und die dem NLZ angehört, muss unser Trainer mindestens eine Halbtagsstelle einnehmen und mindestens die A-Lizenz besitzen – wie gesagt: In der Kreisoberliga.

Alfred Kaminski (Leiter des Leistungszentrum Kickers Offenbach - links) - Ralph Kraus (Redakteur/Torgranate - rechts)
Kaminski (links) im Gespräch mit Ralph Kraus. © Charlie Rolff

Alfred Kaminski sieht seine Zukunft auf der Trainerbank

Alle reden von Neuaufbau im deutschen Fußball, von Talenten, die der Fußball dringend benötigt. Mir stellt sich immer wieder die Frage, warum so viele junge Spieler aus dem Ausland Verträge in der Bundesliga bekommen und sich auch oft durchsetzen, währen die deutschen Spieler oft in der zweiten-, dritten- oder gar Regionalliga landen. Was läuft da falsch?

Das ist einerseits ein Spiegelbild der Gesellschaft. Vielleicht sind einige manchmal nicht mehr bereit, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen, sondern suchen eher den leichten Weg. Wenn man aber etwas erreichen will, dann geht es nicht immer geradeaus, sondern man muss kämpfen. Auch negative Erfahrungen, die zwangsläufig kommen, sollte man für sich positiv nutzen.

Ich persönlich bin jemand, der den Jungs, aber auch den Eltern, mal Dinge sagt, die sie vielleicht nicht hören wollen. Viele sollten nicht so viel von gewissen Dingen träumen, sondern lieber ihre Schule und Ausbildung weiter vorantreiben. Da geht der Weg Richtung Profifußball nun mal nicht weiter. Oder aber man muss auch mal klar bei Spielern ansprechen, dass sie sich jetzt durchsetzen müssen, wenn es doch noch vorangehen soll.

Ich glaube zudem, dass es beispielsweise ein Fehler war, die zweiten Mannschaften abzuschaffen. Es ist unheimlich wichtig, die jungen Spieler in Konkurrenz mit erfahrenen Senioren spielen zu lassen und ihnen Spielpraxis zu geben, damit sie im Herrenbereich ankommen. Hier hat man vielerorts verpasst, einen Ausgleich zu schaffen. Vielleicht hätte man als Ausgleich zur Abschaffung von zweiten Mannschaften eher als U20 /U21-Teams melden sollen, um den jungen Spielern mehr Zeit zu geben. Die müssen ihre Erfahrungen machen, damit sie ihren eigenen Weg gehen können. Man kennt das doch: Da versuchen die Jungs den Kapitän der ersten Mannschaft fünfmal zu tunneln. Was dabei herauskommt, wissen wir alle.

Wenn man Ihnen zuhört hat man das Gefühl, Sie seien angekommen?

Wenn man die letzten 20 Jahre in meiner Profizeit nimmt, dann füllt die Zeit im Nachwuchsbereich nicht einmal ein Viertel davon. Die Zeit in Offenbach war zunächst nur als Hilfsprojekt gedacht. Ich wollte meinem alten Verein helfen. Daraus hat sich das jetzt so entwickelt, wie es ist. Der angesprochene Neubau ist das letzte von meinen einst angedachten Projekten. Das möchte ich gerne noch erledigen. Ich bin gerne beim OFC, brauche aber immer Ziele und auch für mich Perspektiven. In den drei Spielen, die ich Offenbach interimsmäßig betreut habe und vor allem danach, in meinem Urlaub, habe ich gemerkt, dass ich noch wahnsinnig viel Feuer und Spaß habe. Der Zeitpunkt, als Trainer aufzuhören, schient für mich noch nicht gekommen. Ich liebe Herausforderungen, auch unabhängig vom OFC.

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