Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Vasyl Kosovan mit seiner Familie, bevor er aus der Ukraine flüchten musste.
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Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Vasyl Kosovan mit seiner Familie, bevor er aus der Ukraine flüchten musste.

Flucht in eine ungewisse Zukunft

„Wie die Apokalypse“: Ex-Ehrenberger Kosovan über den Ukraine-Krieg

Eigentlich sollte Vasyl Kosovan momentan mit der SG Ehrenberg um den Klassenerhalt in der Verbandsliga Nord kämpfen. Doch seit dem 24. Februar bestimmt ein ganz anderer, viel wichtigerer Kampf das Leben des 31-jährigen Ukrainers.

Anfang des Jahres befand sich Vasyl Kosovan auf Heimaturlaub. Im Februar wollte der Offensivspieler schon längst wieder in Deutschland sein, sich auf die anstehende Rückrunde mit Ehrenberg vorbereiten. Doch eine Corona-Infektion und ihre Folgen ließen Kosovan länger als geplant in der Ukraine bleiben. Und so erlebte er hautnah mit, was sich am 24. Februar abspielte, als Russland seinen großangelegten Überfall auf die Ukraine startete.

„Meine Frau, mein Sohn und ich haben an diesem Morgen bis 9 Uhr geschlafen. Nach dem Aufstehen haben wir den Fernseher angeschaltet und die Rede unseres Präsidenten gehört“, erzählt Kosovan. Wolodymyr Selenskyj teilte seinem Volk mit, dass es angegriffen wurde, dass sich die Ukraine im Krieg befinde. „Meine Frau brach sofort in Tränen aus. Ich konnte nicht glauben, dass hier in Europa im Jahr 2022 ein Krieg ausbrechen konnte – und begreife es heute noch nicht. Ich hatte in diesem Moment Angst um mich und meine Familie.“

Vasyl Kosovan (links) spielte in der Hinrunde für die SG Ehrenberg.

Riesige Autoschlangen, leere Geldautomaten: Chaotische Flucht an die rumänische Grenze

Der einzige Weg, um für die Sicherheit der Familie zu sorgen: Flucht. Kosovans Haus steht in der Provinz Czernowitz im Südwesten des Landes. Czernowitz ist eine der wenigen Großstädte, die von russischen Truppen bisher nicht angegriffen wurde. Dennoch verlief die Flucht chaotisch. „Wir konnten nicht tanken, weil es riesige Autoschlangen an den Tankstellen gab. Auch kein Geld abheben, weil die Automaten leer waren.“

Mit wenig Benzin im Tank fuhr Kosovan mit Frau und Sohn in Richtung Grenze. Auf dem Weg boten sich entsetzliche Bilder: „Rund 100 Kilometer von unserem Haus entfernt wurde ein Flughafen gesprengt. Es sah aus wie die Apokalypse“, schaudert es den 31-Jährigen beim Gedanken daran. Kosovan steuerte die nahegelegene rumänische Grenze an. Aufgrund der Menschenmassen dort dauerte es fast 40 Stunden, bis er am 25. Februar endlich rumänischen Boden betreten konnte. „Andere Leute, die ich kenne, haben drei Tage gebraucht, um die Grenze zu passieren.“

Die Reise war damit aber noch nicht beendet. Weiter ging es nach Castelfranco Veneto im Nordosten Italiens, rund 50 Kilometer von Venedig entfernt. Dort leben Kosovans Eltern, der 31-Jährige kann dort erst einmal mit seiner Familie unterkommen. Eine Rückkehr nach Deutschland schließt er allerdings nicht aus. „Ich wollte gerne die Fußballsaison mit Ehrenberg beenden. In Zukunft würde ich gerne zurückkehren, weil ich mich in Fulda sehr wohl gefühlt habe“, sagt der dreifache Torschütze der Hinrunde.

Doch für die nahe Zukunft steht vor allem ein großer Wunsch im Vordergrund: die Befreiung seines Landes: „Ich hoffe, dass der Krieg so schnell wie möglich endet. Ich lese selbst keine Zeitungen, bekomme aber viel von Freunden erzählt. Es sterben viele unschuldige Menschen. Wir wollen wieder eine freie Nation sein.“

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